Der Medien-Kommissar
Die Wahrheit im Internet zu sagen, ist revolutionär

Fake-News, Hassbotschaften, Manipulationen – soziale Netzwerke werden nicht von selbst gegen Falschnachrichten im Internet vorgehen. Der Kampf dagegen ist auch keine Aufgabe des Bundespresseamtes, sondern aller Medien.
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Von der Wahrheit als politische Waffe träumte der Philosoph Antonio Gramsci. Der Mitbegründer der kommunistischen Partei in Italien, der von Diktator Benito Mussolini in Rom eingekerkert wurde, ersehnte in seinen legendären „Gefängnisheften“ nichts anderes als „nüchterne, geduldige Menschen“, die „sich nicht an jeder Dummheit begeistern“. Die Hoffnung des italienischen Denkers hat sich bereits in den dunkelsten Jahren Europas im 20. Jahrhundert nicht erfüllt. Auch im digitalen Medienzeitalter hat sich darin nur wenig geändert. Gramsci hätte gestaunt, wie groß die Begeisterung für Dummheiten selbst im 21. Jahrhundert noch ist.

Falschmeldungen, Lügen, Verschwörungstheorien – beschönigend im Netz als „Fake News“ abgetan – drohen den nüchternen und vernünftigen Diskurs in einer postindustriellen Gesellschaft zu zerstören. In ihrer Hilflosigkeit ist zumindest die Bundesregierung auf eine besondere Idee gekommen. Laut „Spiegel“ plädiert das Innenministerium im Kampf gegen Falschnachrichten in sozialen Netzwerken auf die Gründung eines Abwehrzentrums in Berlin. Eine solche Abwehrstelle soll ausgerechnet beim Bundespresseamt eingerichtet werden.

Der wenig durchdachte Vorschlag einer Wahrheitsinstanz im PR-Apparat der Bundesregierung ist ein Vorzeichen für die Hilflosigkeit in Berlin. Denn es kann nicht Aufgabe einer staatlichen Informationsbehörde sein, defensiv gegen Lüge, üble Nachrede oder Manipulation vorzugehen. Das ist schlichtweg die Aufgabe der Gerichte. Die Judikative und die Exekutive müssen entsprechende Gesetze gegen Verleumdung, Beleidigung oder Geschäftsschädigung anwenden und umsetzen. Was in der analogen Medienwelt gilt, bleibt schließlich auch für die digitale Welt richtig. Wo es notwendig ist, muss das Parlament eben gesetzliche Regelungen der Medienentwicklung anpassen, um das Recht auf digitale Unversehrtheit von Bürgern und Unternehmen in den sozialen Netzwerken durchzusetzen.

Das ist alles andere als eine leichte Aufgabe. Denn die Pressefreiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung sind Grundrechte, die in keiner Weise angetastet werden dürfen. Deshalb ist im Kampf gegen Entgleisungen und Falschbehauptungen Sorgfalt und Vorsicht oberstes Gebot.

Auf die amerikanischen Konzerne und ihren Willen zur Läuterung zu setzen, ist hingegen naiv. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker glaubt allen Ernstes, es müsste im eigenen Interesse der sozialen Netzwerke sein, ambitioniert gegen Falschmeldungen vorzugehen, da Glaubwürdigkeit ihr wichtigstes Kapital sei. Doch da irrt der Europäer gewaltig. Es geht im Internetgeschäft nicht um Glaubwürdigkeit, sondern um Aufmerksamkeit und damit um Klicks. Und die bescheren spektakuläre „Fake News“ allemal. Sie sind bares Geld für die sozialen Netzwerke wert.

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Computerprogramme multiplizieren Hassbotschaften

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  • Die Wahrheit wird im Internet mit allen Mittel verhindert.
    Bezahlte Forentrolle machen allen, die nicht systemkonform sind, das Leben zur Hölle.
    Mobbing, Stalking, Beleidigungen und Diffamierungen durch User-Gruppen sind an der Tagesordnung.
    Selbst in Internet Foren die man eigentlich für unpolitisch halten sollte, wird alles versucht, um kritische Geister unschädlich zu machen.
    Anonymius - Beiträge bei www.trollfox.wordpress.com mal lesen.
    Das geschilderte passiert auch in anderen Internet Foren.

  • Jetzt habe ich mich 3 Jahre in sozialen Medien wie Facebook etc. und in Foren diverser klassischer (Zeitungs-)Medien getummelt und fleißig ausgewählte Themen aus Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Philosophie kommentiert. Ich muß feststellen, dass diese Medien zur seriösen Diskussion derartiger Themen ungeeignet sind. Selbst viele Medien schließen ihre Foren z.B. bei Flüchtlingsthemen. Viele "Kommentare" lassen mich fragen, was deren Verfasser denn aus den mindestens 12000 Schulstunden in ihrer Jugend mitgenommen haben.
    Zu viele der Teilnehmer basteln sich ihre eigene Wahrheit zusammen, akzeptieren keine abweichende Meinung und bringen das auch noch unflätig und häufig beleidigend in primitiven Jargons und Denkmustern zum Ausdruck. Wir wissen, dass mittlerweile rd. 20% unserer Bevölkerung (im Osten mehr, im Westen weniger) dem Gedankengut von AFD und PEGIDA folgen. Viele wehren sich, in die rechte Ecke gestellt zu werden ("man wird doch noch mal sagen dürfen", oder: "man wird doch noch mal singen dürfen"). Aber in diesem Fall mache ich es mir auch mal so einfach wie diese "besorgten Bürger":
    Wer rassistische Parolen absondert, ist verdammt noch mal ein Rassist! Und wer populistisch gegen Flüchtlinge hetzt, befördert Ausländerfeindlichkeit und ist für solche abstoßenden Bilder wie z.B. kürzlich wieder in Sachsen auch mit verantwortlich! Dort hetzen selbsternannte Retter des christlichen Abendlandes unbehelligt gegen Flüchtlinge und treten damit die christlich-abendländische Kultur mit Füßen (offensichtlich sind sie intellektuell nicht in der Lage, diesen Widerspruch zu erkennen!). So weit ist es mit unserer Gesellschaft gekommen! Geschichte wiederholt sich. Man möchte heulen.
    Und die - angeblichen - Lügenmedien machen das alles beflissen mit und befördern das damit noch!
    Ich habe versucht, meine diesbezüglichen Erfahrungen in meinem Song "Der Tastaturrevoluzzer" zu verarbeiten:
    http://youtu.be/sBom50KrkBk
    Viel Spaß!

  • ...
    "CDU-Politik zahlt sich aus. Laut Armutsbericht nimmt zudem die Einkommensungleichheit ab" (https://www.cdu.de/search/site/armutsbericht).
    Und welche Medien haben das so dargestellt?

    Merke: die nächsten Wahlen stehen vor der Türe!
    http://youtu.be/0zSclA_zqK4
    Und was sagt der Bundestag?
    http://youtu.be/QGOx8I0COYg
    Viel Spaß beim Anhören!

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