Privatsender in der Krise
ITV sucht das Führungstalent

Alljährlich begibt sich der britische Privatsender ITV unter dem Motto „Britain’s got Talent“ auf die Suche nach den größten Showstars der Insel Die singende Jungfer Susan Boyle oder der verhinderte Opernstar Paul Potts haben es zu Weltruhm gebracht. Bei der Suche nach neuen Führungskräften beweist der schwer angeschlagene Sender dagegen erheblich weniger Talent.

LONDON. Die Führungskrise beim größten Privatsender des Königreichs gerät allmählich zur Farce. Seit Monaten gelingt es dem Unternehmen nicht, eine neue Führungsmannschaft zu finden. Anfang der Woche gab der ehemalige Besitzer der britischen Fluggesellschaft BMI, Michael Bishop, dem Sender einen Korb. Auch er will den Posten des Chairman nicht übernehmen, damit hat innerhalb weniger Tage bereits der zweite prominente Kandidat dem Sender eine Absage erteilt.

Erst in der vergangenen Woche hatte Crispin Davies, Ex-Vorstandschef des Medienkonzerns Reed Elsevier, ein Angebot von ITV abgelehnt. In der Branche wird inzwischen eifrig diskutiert wie schlecht es dem Unternehmen tatsächlich gehe. „Michael Bishop ist sehr erfahren, wenn er sagt ein Problem sei nicht einfach zu lösen, dann muss es schon sehr schwierig sein“, zitiert die Tageszeitung „The Times“ einen Insider.

Probleme hat ITV reichlich. Die britischen Fernsehsender leiden unter dem Einbruch des Werbemarktes. Einzig der PayTV-Sender BskyB und die gebührenfinanzierte BBC schreiben momentan schwarze Zahlen. Im ersten Halbjahr musste ITV einen Nettoverlust von 72 Mio. Pfund hinnehmen. Im Frühjahr 2009 verordnete sich ITV ein drastisches Sparprogramm, sechshundert Arbeitsplätze wurden abgebaut und auch am Inhalt sollte gespart werden. Das rief die Regierung auf den Plan, sie sieht die Misere der Privatsender mit Sorge. Nachdem ITV aufgrund der Krise erwogen hatte seine Regionalnachrichten einzustellen, kündigte Kommunikationsminister Lord Carter im Juni an, die privaten Sender zukünftig mit jährlich 50 Mio. Pfund aus dem Gebührentopf zu bezuschussen, um ein Nachrichtenmonopol der BBC zu vermeiden.

Die Führungskrise beim größten Privatsender begann im April. Aufgrund der Werbekrise zog das ITV-Board personelle Konsequenzen und beschloss den bisherigen Vorstandschef Michael Grade abzulösen. Sechs Monate lang suchte das Board nach einem Nachfolger und einigte sich schließlich auf den TV-Veteranen Tony Ball. Doch die Verhandlungen platzen in letzter Minute, weil sich beide Seiten nicht über die Höhe des Gehalts einigen konnten. Der ehemalige BSkyB-Chef hatte angeblich mehr als sechs Mio. Pfund pro Jahr verlangt, ITV war nicht bereit so viel zu zahlen. Außerdem kolportierten britische Medien, dass sich Ball nicht mit seinem Vorgänger Michael Grade verstehe, der eigentlich den Posten des Chairman übernehmen sollte. Nach Balls Absage erklärte aber auch Grade seinen endgültigen Abschied und seitdem sucht das Unternehmen nicht nur einen Vorstandschef, sondern auch noch einen Chairman.

Dass es so schwierig ist den Posten des Chefkontrolleurs zu besetzen, hat vor allem strukturelle Gründe. Neben Rupert Murdochs Bezahlsender BSkyB sind die Schweizer Großbank UBS und der britische Versicherer Legal&General als Großaktionäre beteiligt und sie alle haben unterschiedliche strategische Ziele, die die Arbeit erschweren. Der zweite Grund ist das Board selber. „Es ist ein offenes Geheimnis, dass das Board von ITV nicht gut zusammenarbeitet“, sagt Charlie Beckett, Medienwissenschaftler an der London School of Economics. Der neune Chairman muss vermutlich das Gremium umbauen und mit neuen Leuten besetzen, die den Markt besser verstehen, denn im Moment ist das Board größtenteils mit ehemaligen Bankern und Citygrößen besetzt, die wenig Medienerfahrung haben.

Damit das Unternehmen nicht mehr führungslos durch die Medienkrise wankt, wurde nach Bishops Absage eilig der bisherige Chief Operating Officer (COO) John Cresswell zum Interims-Chef befördert. Als erste Amtshandlung ließ Cresswell Wandelanleihen im Wert von 135 Mio. Pfund ausgeben, um die Unternehmensfinanzen zu stützen. Der Kurs der ITV-Aktie stieg daraufhin um zeitweise acht Prozent. Trotz allem Eifer hat auch Cresswell bereits angekündigt den Sender zu verlassen, wenn ein neuer Vorstandschef gefunden sein sollte. Grund genug für die britische Presse die Personalsuche gewohnt bissig zu kommentieren: „Irgendwer an der Harvard Business School arbeitet bestimmt schon an einer Fallstudie: ‚Wie man Führungskräfte am besten nicht rekrutiert’“, ätzt der Daily Telegraph.

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