Religiöse Apps
Ein Netzwerk mit direktem Draht zum lieben Gott

Gebetsaufruf via Twitter, Internet-Beichte und Apps zum Gemeindeleben: Religiöse Gemeinschaften entdecken die Kraft von sozialen Netzwerken, um Gläubige an sich zu binden. Ein Ausflug in die Welt der digitalen Seligkeit.
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Düsseldorf

Allabendlich ertönt ein leises Vibrieren, das die Aufmerksamkeit des Smartphone-Besitzers auf das Display lenkt. In einer Whatsapp-Gruppe ist eine neue Nachricht aufgetaucht. Es ist kein lustiges Partyfoto oder irgendeine mit Emoticons angereicherte Statusmeldung, sondern ein Aufruf zur Andacht. Denn jeden Abend verschickt das katholische Projekt „Einfach gemeinsam beten“ einen Impuls zum Beten – via Whatsapp in die regionalen Gebetskreise.

Die Initiative des bayerischen Jugendpfarrers Daniel Rietzler ist keinesfalls einzigartig. Überall auf der Welt gibt es Apps und Online-Dienstleistungen, die ihren Nutzern Halt und Trost versprechen. Seelsorge, Erziehung oder regelkonformes Leben laufen nicht mehr nur über Gemeinden und Priester, sondern auch über Whatsapp, Facebook oder eigens gegründete Apps.

Ob Christen, Juden oder Muslime: Jede Glaubensgemeinschaft gibt ihren Schäfchen das digitale Rüstzeug für ein gottesfürchtiges Dasein mit auf den Lebensweg. Sie fördern damit nicht nur die Seelsorge.


Pfarrer Rietzler aus dem bayerischen Weißenhorn bekam die Idee auf dem Weltjugendtag 2016 in Krakau: „Viele junge Menschen haben mit darauf angesprochen, dass sie sich Hilfestellung für das persönliche Gebet wünschen und ihren Glauben mehr in den Alltag integrieren wollen.“ Ein befreundeter Pater hatte das Modell „Whatsapp-Gebetskreis“ bereits zu Weihnachten ausprobiert, gemeinsam mit ihm entwickelte Rietzler ein Konzept, das Anfang Januar startete.

In verschiedenen Regionalgruppen kamen zu Anfang rund 1.000 Jugendliche zusammen. Mittlerweile zählt die Runde über 2.500 Jugendliche in über 130 regionalen Gruppen – in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz: „Wir haben mittlerweile sogar eine Gruppe in Rom“, erzählt Rietzler. Verschiedene Initiativen und Personen im Bistum Augsburg, besonders auch Weihbischof Florian Wörner seien tatkräftige Unterstützer geworden, so Rietzler.

Jeden Abend schickt die Initiative einen sogenannten Audioimpuls, der für das morgendliche Gebet anregen soll. Für die Morgenandacht hat das Projekt eine feste Gebetsvorlage herausgegeben, für das etwa 12 Minuten veranschlagt sind. Die Impulse bewegen sich jede Woche unter einem anderen Motto und werden nicht nur von Priestern verschickt, sondern auch von Ordensschwestern oder etwa jungen Gläubigen – auch eine katholische Psychotherapeutin war schon unter den Impulsgebern, erzählt Rietzler: „Das soll zeigen, dass eben nicht nur Priester die Kirche sind, sondern jeder etwas beitragen kann.“ In der Karwoche bis Ostersonntag kommen die Impulse vom Weihbischof Florian Wörner persönlich.

Der Rückgriff auf soziale Netzwerke ist nicht neu, aber immer mehr Kirchen und Gemeinden entdecken diese digitale Welt für ihre Mitglieder. Gebetsaufrufe via Twitter, Internet-Beichte oder Apps, die über das Gemeindeleben informieren. Was in Deutschland noch als Nische bezeichnet werden kann, ist in den USA längst ein Trend, bestätigt Heidi Campbell, Religions- und Kommunikationswissenschaftlerin an der A&M University in Texas: „Die Beliebtheit der Apps steigt.“

Die zunehmende „Mobilisierung“ des Internets durch Smartphones bedeute, dass auch Kirchen und religiöse Gruppen Möglichkeiten geben wollen, damit Menschen ihren Glauben 24 Stunden und sieben Tage die Woche ausleben können. Eine App mit direkter Verbindung nach Oben, wenn man so will.

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