Samstagsausgabe am Wochenende gestartet
Wall Street Journal braucht mehr Anzeigen

Zum ersten Mal seit 50 Jahren haben die Leser des "Wall Street Journal" am Samstag eine Wochenendausgabe der Wirtschaftszeitung vor ihrer Haustür gefunden.

NEW YORK. Was für die 1,75 Millionen Abonnenten in Amerika zunächst ein kostenloses Extra ist, könnte für das Verlagshaus Dow Jones ein teures und riskantes Experiment werden. Ist die Wochenendausgabe doch der bislang ehrgeizigste Versuch von Dow-Jones-Chef Peter Kann, das publizistische Flaggschiff des amerikanischen Kapitalismus wirtschaftlich wieder flott zu machen.

Seit fünf Jahren gehen die Anzeigenerlöse des Wirtschaftsblattes stetig zurück. In diesem Jahr liegt das Minus bei rund sechs Prozent. Insbesondere der Ausfall der Technologie- und Finanzanzeigen machen dem Journal und damit auch dem Mutterhaus zu schaffen. Mit einem Jahresumsatz von 1,67 Mrd. Dollar und einem Reingewinn von knapp 100 Mill. Dollar liegen die Ergebnisse von Dow Jones nicht nur weit unter den Erwartungen der Eigentümerfamilie Bancroft.

Auch die Börse ist verstimmt: Die Aktie hinkt in den Branchenindices weit hinterher und hat allein in diesem Jahr mehr als sechs Prozent verloren. Die einzige Rally gab es vor ein paar Wochen, als Verkaufsgerüchte die Fantasie der Anleger beflügelte.

Die Wochenendausgabe soll jetzt den Negativtrend stoppen und neue Anzeigenkunden ins Blatt holen. Dow Jones hofft dabei vor allem auf zusätzliche Anzeigen der Konsum- und Luxusartikelbranche. Deshalb gibt es in der Wochenendausgabe nicht nur wie vom Journal gewohnt die neuesten Wirtschaftsnachrichten und Finanzinformationen. Unter dem Namen "Pursuits" bietet das Blatt jetzt auch ein Zeitungsbuch, das sich ganz dem gehobenen Lifestyle der überwiegend betuchten Leserschaft widmet. Von Musik-Empfehlungen über Fitness-Tipps bis hin zu Kochrezepten findet der Leser hier Themen, die bislang nicht unbedingt zu den Kernkompetenzen des Journals gehörten.

Die erste Ausgabe war denn auch voll gepackt mit Restaurant-Empfehlungen, Buch- und Filmbesprechungen sowie Ratschlägen, wie man den Bewerbungsstress der Kinder für einen College-Platz in den Griff bekommen kann. Lebenshilfe auf gehobenem Niveau ist das Motto. "Wir sprechen damit Themen an, die unsere Leser am Wochenende beschäftigen", sagt Karen Elliot House, Herausgeberin der Zeitung und Ehefrau des Konzernchefs.

Für Chefredakteur Paul Steiger ist das Projekt auch journalistisch interessant, weil der Freitag zu einem immer wichtigeren Tag in der globale Geschäftswelt geworden ist. "Wir wollen unsere Leser nicht der Konkurrenz überlassen, wenn die Nachrichten noch frisch sind", sagt Steiger. Dass die Kernkompetenz durch den neuen Fokus auf Lifestyle-Themen leiden könnte, glaubt Steiger nicht. Um den Spagat zwischen Kochrezepten und Firmenübernahmen zu schaffen, hat Dow Jones 150 neue Mitarbeiter eingestellt.

Analysten an der Wall Street bewundern einerseits den Mut des Verlages, in dem schwierigen Umfeld für Presseprodukte ein neues Projekt zu starten. Zugleich sind sie jedoch skeptisch über die wirtschaftlichen Erfolgsaussichten. "Ich habe meine Zweifel, ob das Projekt eine solide Rendite abwirft", sagt Lauren Rich Fine vom Investmenthaus Merrill Lynch. Ihr Kollege Peter Appert sagt für das erste Jahr einen Verlust von 16 Mill. Dollar voraus. In 2007 könnte die Wochenendausgabe schwarze Zahlen schreiben, wenn es wirklich gelinge, neue Anzeigenkunden zu gewinnen.

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