Valley Voice
Zuckerbergs vergessene Schlacht

Steven Vachani ist längst pleite. Aber er kämpft weiter gegen Facebook. Und ausgerechnet die EU-Kommission könnte Mark Zuckerberg in der vergessenen Schlacht des Silicon Valley noch zum Verhängnis werden.
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San FranciscoWas der österreichische Student Max Schrems in Europa ist, ist der Unternehmer Steve Vachani in den USA. Schrems nervte das weltgrößte soziale Netzwerk Facebook solange, bis es herausrückte, was für Informationen es über ihn gespeichert hat. Der gebürtige Brasilianer Vachani kämpft seit Jahren für das Recht der 1,6 Milliarden Mitglieder auf ungehinderten Zugriff auf ihre persönlichen Daten – und das Recht, diese wieder mitzunehmen, wenn sie es wollen.

Das wäre ein Alptraum-Szenario für Mark Zuckerberg, dessen Geschäftsmodell auf Wachstum, persönliche Daten und Werbung beruht. Alles liegt jetzt in den Händen des Supreme Court, des höchsten Gerichts der USA, das Vachani jetzt angerufen hat. Es ist seine letzte Chance.

Vachanis Vorstoß könnte nicht weniger als den Wettbewerb zurückbringen in einem Markt, der keinen mehr kennt. Facebook-Mitglieder könnten dann mit einem einzigen Knopfdruck ihre Timeline, Fotos und ihre Freundesliste zu Snapchat oder WeChat transferieren und dort einfach weitermachen. Heute müssten die oft Tausenden Einträge von Hand gelöscht oder kopiert werden. Die Freundesliste müsste mühsam abgeschrieben werden. Wer macht das schon?

Vachani ist alles andere als freiwillig zum Robin Hood der Datenschützer geworden. Es ist ein sonniger Nachmittag in San Francisco. Die Menschen flanieren über die Promenade Embarcadero und schauen den Schiffen hinterher, die langsam in Richtung Golden Gate Bridge vorbeiziehen. Aber der 42-jährige Unternehmer hat im Moment keinen Blick für die Schönheit der Stadt. Er bestellt sich einen Kaffee in Peet’s Coffee im Ferry Building und fängt an zu erzählen.

Seit fast neun Jahren kämpft er jetzt. Viele Schlachten hat er verloren, sein Vermögen und sein Unternehmen auch. Er ist im Privatkonkurs. Dabei hatte es so vielversprechend angefangen: 2006 wurde Power.com gegründet, ein mit zehn Millionen Dollar finanziertes Start-up. Es fungierte sozusagen als digitales Umzugsunternehmen. Die nach eigenen Angaben bis zu 20 Millionen Kunden übergaben Power.com die Passwörter ihrer zahlreichen Sozial-Media-Aktivitäten von MySpace über Facebook bis zu Orkut, einem damals irrsinnig beliebten Google-Netzwerk in Brasilien. Der digitale Umzugsunternehmer Power.com wuchtete dann wie von Geisterhand Daten und Dateien von einem Dienst zum nächsten. Inhalte wurden gleichzeitig überall gepostet oder gelöscht.

2008 bekam das florierende Start-up dann eine Aufforderung von Facebook, diese Aktivitäten einzustellen. Vachani weigerte sich und wurde vor Gericht gezerrt. Obwohl die Kunden das Passwort freiwillig übergaben, wurde Power.com als gefährlicher Hacker verklagt – und 2011 in der ersten Instanz auch verurteilt. Außerdem folgte eine Verurteilung wegen „digitalen Hausfriedensbruchs“.

Das Verfahren zog sich bis zum 9th Circuit Court in San Francisco, das ist das zweithöchste Gericht in den USA. Zuletzt hat es Donald Trumps Einreisebann zu Fall gebracht. Das Berufungsgericht verwarf 2013 die Anklage auf Computereinbruch. Die Last einer potenziellen langjährigen Haftstrafe und Millionen von Dollar Schadenersatz fielen von dem vierfachen Vater mit den indischen Wurzeln ab.

Doch das Gericht beschied auch, dass ein weiteres Einloggen durch Power.com illegal war, nachdem Facebook die Erlaubnis widerrufen hatte. Facebook verlangt einen Zugang über „Facebook Connect“, ein spezieller Eingang für Unternehmen, die mit den Daten der Kunden arbeiten wollen und der strengen Limitierungen unterliegt. Ein automatisiertes Herauskopieren und Löschen eines kompletten Kundenprofils jedenfalls ist nicht vorgesehen.

„Das ist so, als ob der Vermieter sagt, du darfst bei einem Auszug die Möbel nur persönlich ohne Hilfe eines Umzugsunternehmens aus der Wohnung tragen. Dann bleibt nur, trotz höherer Miete zu bleiben oder die ganze Einrichtung aufzugeben. Niemand würde das akzeptieren“, ereifert sich Vachani, der jetzt kanadischer Staatsbürger ist. Aber genau so sei es derzeit in der digitalen Welt geregelt.

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