Verlagswesen
Suhrkamp-Umzug vergrätzt Autoren

Der beschlossene Umzug des Frankfurter Suhrkamp-Verlags nach Berlin verschärft den internen Streit. Der angesehene Schriftsteller Adolf Muschg verlässt nach 35 Jahren den Verlag. Der Schweizer Autor wird künftig seine Werke im Verlag C.H. Beck veröffentlichen.

DÜSSELDORF. „Wir wollen Adolf Muschg künftig eine Verlagsheimat bieten“, sagte eine Sprecherin des Münchener Verlags auf Anfrage. Sein neuer, umfangreicher Roman erscheine bereits 2010 bei C.H. Beck. Eine Sprecherin von Suhrkamp sagte gestern, dass Muschg den Verlag über seine Entscheidung nicht informiert habe.

Der Ausstieg des 74-Jährigen ist für Suhrkamp und für die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz ein herbe Niederlage. Der Georg-Büchner-Preisträger („Kinderhochzeit“, „Sutters Glück“) zählte bei Suhrkamp zu den bekanntesten Autoren im Bereich Belletristik. Der Titel seines neuen Werks ist noch unbekannt. Der Roman soll nach Angaben von Insidern rund 600 Seiten umfassen.

Früher stand Muschg bei der Verlegerwitwe Unseld-Berkéwicz in hohem Ansehen. Der Schweizer gehörte als einziger Schriftsteller bis November 2007 dem Stiftungsrat an. Dieses Gremium berät die Unseld-Familienstiftung, die am Suhrkamp-Verlag die Mehrheit hält.

Muschg kritisierte, dass die umstrittene Verlegerwitwe den Stiftungsrat über wichtige Pläne des Verlags nicht informiert habe. Auch der Wechsel des Verlags vom Stammsitz Frankfurt nach Berlin sei nicht ein einziges Mal Thema im Beirat gewesen. Der Wegzug aus der Bankenmetropole ist intern umstritten. „Viele Mitarbeiter sind irritiert“, heißt es in Unternehmenskreisen.

Erst am vergangenen Freitag hatte der Verlag angekündigt, dass nur 60 der bislang 130 Beschäftigten Anfang 2010 in die Hauptstadt mitziehen werden. Für die Opposition gegen einen Umzug nach Berlin hat die Verlegerin unterdessen kein Verständnis. „Wir gehen ja nicht nach Abu Dhabi, sondern in die Hauptstadt“, sagte Ulla Unseld-Berkéwicz der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Bis 1933 war Berlin die große deutsche Verlagsstadt. Jetzt macht Berlin da weiter, wo es damals zwangsweise aufhören musste.“

Der Suhrkamp-Verlag war 1950 von Peter Suhrkamp gegründet worden. In den 70er- und 80er-Jahren hatte das Haus unter Führung des damaligen Verlegers Siegfried Unseld einen intellektuellen und literarischen Höhepunkt erreicht. Nach dem Tod von Siegfried Unseld im Jahr 2002 stieg seine Frau Ulla Unseld-Berkéwicz zur Geschäftsführerin auf. Zur Verlagsgruppe gehören heute neben Suhrkamp der Insel Verlag, der Deutsche Klassiker Verlag, der Jüdische Verlag, der Verlag der Weltreligionen und der Theaterverlag. Vor allem mit berühmten Hausautoren wie Hermann Hesse und Bert Brecht verdiente der Verlag früher viel Geld. 2006 erzielte die Verlagsgruppe einen Umsatz von 24,6 Mio. Euro. Der Jahresfehlbetrag belief sich auf 519 000 Euro. Eine Bilanz für 2007 liegt noch nicht vor.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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