Zerrüttete Ehe
Suhrkamp-Gesellschafter fetzen sich ohne Ende

Dem Suhrkamp Verlag droht die Auflösung. Die Gesellschafter treffen sich nur noch vor Gericht. Gleich mehrere Prozesse laufen zwischen der Verleger-Witwe und ihrem Mitgesellschafter. Montag geht es in die nächste Runde.
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BerlinEine zerrüttete Ehe endet nicht selten im Rosenkrieg. Dass sich aber auch in einer so renommierten Institution wie dem Suhrkamp Verlag die beiden Partner öffentlich zerfetzen, ist eher ungewöhnlich. Am Frankfurter Landgericht fasste der Vorsitzende Richter Norbert Höhne diese Woche die Stimmung so in Worte: „Beide Gesellschafter sehen sich offenbar wechselseitig als Inkarnation des Bösen.“

Bei den Partnern handelt es sich einmal um Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwitz, die Frau des 2002 gestorbenen Firmenpatriarchen Siegfried Unseld. Über eine Familienstiftung hält die „schöne Witwe“ 61 Prozent an Suhrkamp. Die restlichen 39 Prozent gehören über die Medienholding Winterthur dem Hamburger Medienunternehmer Hans Barlach (früher „Hamburger Morgenpost“), der 2006 gegen den ausdrücklichen Willen der Verlagschefin ins Unternehmen einstieg.

Seit Jahren verkehren die beiden nur noch vor Gericht. Selbst Eingeweihte haben inzwischen den Überblick verloren, wie viele Verfahren wo laufen. Es sind aber mindestens noch zwei am neuen Firmensitz in Berlin und drei in der langjährigen Verlagsheimat Frankfurt. Im Kern geht es darum, dass Barlach, Enkel des Bildhauers Ernst Barlach und früher selbst Galerist, gegen alle Widerstände Mitsprache im Verlag beansprucht - und dafür notfalls die Verlagschefin entmachten will.

Am Montag geht der Streit vor dem Landgericht Berlin in eine neue Runde. Barlach hat beantragt, Berkéwitz als Geschäftsführerin abzuberufen, weil sie Firmengelder veruntreut habe. Er wirft ihr vor, in ihrem Privathaus im Berliner Stadtteil Nikolassee aus Verlagsgeldern Räume für Lesungen und Autoren zu mieten, ohne ihn als Mitgesellschafter vorher zu fragen.

Noch drastischer ist der Antrag, den Barlach diese Woche in Frankfurt eingebracht hat. Dort verklagen sich die Streithähne gegenseitig - sie fordern, den jeweils anderen Gesellschafter auszuschließen. Sollte es dazu nicht kommen, müsse der Verlag aufgelöst werden, verlangte Barlach am Mittwoch.

Sollte es dazu kommen, würde „einer der namhaftesten Teilnehmer am Literaturbetrieb der Nachkriegszeit“ verschwinden, sinnierte der Richter. Tatsächlich hat der Suhrkamp Verlag mit seinen berühmten regenbogenfarbenen Bändchen jahrzehntelang die intellektuelle Debatte in Deutschland bestimmt.

Unselds Tod brachte dann eine Zäsur. Die Machtübernahme durch seine Witwe führte für Jahre zu internen Machtkämpfen und Verwerfungen mit wichtigen Autoren. Doch seit dem Umzug nach Berlin sieht sich das traditionsreiche Haus wieder im Aufwind. Beim diesjährigen Deutschen Buchpreis etwa kamen in der engsten Auswahl drei der sechs Autoren von Suhrkamp.

„In dem Verlag ist ein Erbhof entstanden, der dem Unternehmen keine Luft mehr lässt“, kritisiert Barlach dagegen. „Die von uns beantragte Auflösung wäre die große Chance für einen Neuanfang. Jeder könnte ein Angebot machen“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Suhrkamp-Anwalt Peter Raue dagegen hält den Antrag schlicht für abwegig: „Es gibt kein Beispiel in der Rechtsprechung, dass ein Verlagsgebilde durch Ausschluss eines Gesellschafters zerstört wird. Das hat's noch nie gegeben.“

Längst ist die Situation so verfahren, dass jeder den anderen am liebsten ganz los wäre. Raue erneuerte in einem dpa-Gespräch das Suhrkamp-Angebot, Barlachs Anteil zu übernehmen. Und auch der Medienunternehmer bekräftigte seine Bereitschaft, die Unseld Familienstiftung rauszukaufen: „Unser Angebot steht. Ich hätte große Lust, das Unternehmen zu führen.“

Frage ist nur, zu welchem Preis. Bei früherer Gelegenheit hatte Barlach 75 Millionen Euro als Wert des Verlags angesetzt. Sein Anteil läge damit bei rund 30 Millionen - wohl illusorisch, dass Suhrkamp einen solchen Brocken stemmen könnte und wollte. Andererseits widersetze sich Barlach einer „vernünftigen Bewertung“ des Unternehmens, kritisiert Raue. Rosenkrieg eben.

 


Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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