Aber es gibt Nebenwirkungen
Die neue Beweglichkeit nach SARS

Sun Microsystems scheucht seine Mitarbeiter aus den Büros: Sie sollen in mobilen Drop-In-Centern ihre Arbeit verrichten.

Steven Meyers ist mal wieder viel zu spät dran. Dienstbeginn ist in 30 Minuten. Aber von seinem Apartment in San Francisco bis zum Job bei Sun Microsystems in Menlo Park dauert die Autofahrt rund 60 Minuten. Mit den Staus auf dem Freeway besteht keine Chance mehr auf Pünktlichkeit.

Was dem 33-jährigen Programmierer vor sechs Monaten noch Kündigungsschweiß auf die Stirn getrieben hätte, lässt ihn heute völlig kalt. „Kein Problem, arbeite ich heute eben im ,Drop-In-Center’ in der Stadt“, sagt Meyers und blinzelt seine „Smart Card“ an.

Smart Card? - Drop-In-Center? - So heißen die neuesten Arbeitserleichterungen, die die Techniker von Sun ihren Kollegen dieser Tage zur Verfügung stellen. Die Smart Card ist eine personalausweisgroße Plastikkarte, die jeder Sun- Mitarbeiter beantragen kann.

Wer einmal nicht ins Büro kommen will, kann sich mit der Smart Card in einem von 93 in den USA verteilten Drop-In-Centern jederzeit in einen Computer einloggen und arbeiten. „Im Büro verschwende ich doch nur unnötig Zeit, indem ich im Gang mit den Kollegen schwatze“, sagt Amy Greene, die seit zwölf Jahren für Sun als Programmiererin arbeitet. Sie nutzt ein Drop-In-Center in ihrem Lieblingscafé in der Stadt. Andere sind in Bibliotheken, Bürocentern oder auch Universitäten versteckt.

Greenes Boss, Sun-Chairman Scott McNealy, verspricht sich von der Smart Card eine höhere Produktivität seiner 35 000 Angestellten. Und er hofft auf Einsparungen. Drei Millionen Dollar kostet Sun das Einrichten der Drop-In-Stations. Auf der anderen Seite konnte die Firma seit 1997 – so lang experimentiert McNealy schon mit mobilen Arbeitsplatzideen – 7 400 Schreibtische und die damit verbundenen Kosten eliminieren. „Im vergangenen Jahr allein haben wir durch diese Initiative rund 50 Millionen Dollar gespart“, so ein Sprecher von Sun Microsystems. Am Ende hoffen die Sun-Manager, jährlich bis zu 140 Millionen Dollar durch die Smart Card einzusparen.

Am liebsten wäre es Sun-Boss McNealy sogar, dass alle Mitarbeiter den permanenten Arbeitsplatz verlassen und nur noch in den Drop-In-Stations arbeiten würden. „Es besteht gar kein Zweifel, dass die Zukunft des amerikanischen Arbeitsmarkts von virtuellen Pendlern bestimmt wird“, predigt McNealy seit einem Jahr auf Veranstaltungen und Konferenzen.

Stieß er zunächst auf taube Ohren, so scheint sich das neue Prinzip der ultimativen Flexibilität am Arbeitsplatz jetzt durchzusetzen. Sowohl Banken wie auch Abteilungen der US-Regierung haben die neue Sun-Technik adaptiert. Wohl auch, weil die Zahl der Pendler in den USA im vergangenen Jahr noch einmal um zwei Millionen auf rund 32 Millionen angestiegen ist. Das jedenfalls will die Firma „Cahners In-Stat MicroDesigns“ herausgefunden haben. „Dazu kommt dann noch das zunehmende Verkehrschaos in den Großstädten. Und schon hat die Smart Card Sinn“, betont McNealy.

Natürlich funktioniert die „iWork“ nicht bei jedem Angestellten. Wer Aktenordner im Büro nachschlagen muss oder Bücherregale nutzt, findet die mobilen Arbeitsplätze eher lästig. Und in der Sun-Personalabteilung häufen sich derzeit Beschwerden, weil zu viele Plätze in den 85 Drop-In-Centern in San Francisco meist schon für Wochen im Voraus ausgebucht sind.

Viele Smart-Card-Besitzer kommen somit gar nicht zum Einloggen in einen Computer in ihrer Nachbarschaft, weil den ein Kollege aus Menlo Park schon reserviert hat, obwohl viele dieser mobilen Arbeitsplätze dem „First come first serve“- Prinzip unterliegen. Damit auch Spätstarter wie Steven Meyers noch eine Chance haben.

Manche Computer-Experten nörgeln, dass sie den täglichen Kontakt mit den Kollegen, bei dem Ideen unter Fachkräften ausgetauscht werden, vermissen. „Menschen sind dafür gemacht, untereinander Lob und Tadel auszutauschen. Sie brauchen den direkten Kontakt“, glaubt David Levine, Professor für Verhaltensforschung in Berkeley.

Scott McNealy beeindruckt dies nicht allzu sehr. Gerade nach der Katastrophe vom 11. September und der SARS-Krise in Asien habe sich sein neues, flexibles Arbeits-Prinzip als „äußerst sinnvoll erwiesen“. Viele Firmen wollten sich nach den Terror-Attacken in New York nämlich nicht mehr nur auf die Unterbringung in nur einem Gebäude verlassen. „Da lagen wir mit iWork genau richtig“, wirft McNealy ein. Und SARS trieb nicht nur die Sun- Mitarbeiter in Asien gleich scharenweise in die Drop-In-Center.

Aber es gibt Nebenwirkungen: Als McNealy unlängst um zehn Uhr morgens in sein Büro in Menlo Park kam, war die gesamte Programmier- Abteilung unbesetzt. Unsicher, ob er den Angestellten frei gegeben hatte, rief er seine Assistentin: Die lächelte nur trocken und hauchte die Worte „Smart Card“. Scott McNealy sackte in sich zusammen – er war das Opfer seiner eigenen Erfindung geworden. So viel Ruhe in der Firma nämlich kann der agile Manager gar nicht gut vertragen.

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