AIG
Paula Reynolds - Die Saniererin

Paula Reynolds fürchtet sich nicht vor großen Aufgaben: Mit dem Versicherungsriesen AIG hat sie wohl den größten Sanierungsfall in der Geschichte Amerikas übernommen. Auf Krisen reagiert die zierliche Frau mit Humor. Schließlich wurde sie schon oft unterschätzt, und konnte doch bisher einige Krisen meistern.

NEW YORK. Vor laufender Kamera erlaubte sich der Reporter einen Ausflug ins Private. Wie es denn so sei, wenn zwei Führungskräfte miteinander verheiratet seien? Paula Rosput Reynolds zuckte nicht mit der Wimper. Seit 2004 ist sie die Ehefrau von Stephen Reynolds, Chef des Energiekonzerns Puget Energy, und sie hat sich daran gewöhnt, dass die Leute das irgendwie spannend finden. „Ach wissen Sie, ich koche, und er bringt den Müll runter“, antwortete sie lächelnd. „Wenn ich etwas schätze, dann eine klare Arbeitsteilung.“

Ihren Sinn für handfeste Strukturen kann die Chefsaniererin von AIG auch beruflich gut gebrauchen. Seit Oktober vergangenen Jahres versucht die 52-Jährige bei dem angeschlagenen Versicherungsriesen zu retten, was zu retten ist. Möglicherweise ist es der umfangreichste Sanierungsjob, den es in der Geschichte Amerikas jemals gab – mit rund 100 000 Mitarbeitern und hunderten von Niederlassungen in 130 Ländern ist AIG ein Koloss. Nicht wenige fragen sich, ob die zierliche Frau mit dem gepflegten Makeup und der Vorliebe für doppelreihige Halsketten mit diesem Ungetüm fertig wird.

Sie ist schon einmal unterschätzt worden, bei ihrem letzten Job. Da war sie CEO bei dem Autoversicherer Safeco. „Ihre Kollegen dachten, sie würde die Komplexität der Branche nicht kapieren und könnte den Wert des Unternehmens nicht steigern“, gab der Branchenjournalist Brian Sullivan gegenüber Reynolds Heimatzeitung News Tribune zu Protokoll. Doch Paula Reynolds verstand offenbar besser als alle anderen, wie die Lage war. Während sie das Unternehmen führte, stieg sein Börsenwert jährlich um fast neun Prozent, während der Branchenindex um acht Prozent absackte. Dann der Coup: Sie verkaufte Safeco für 6,2 Mrd. Dollar an den Konkurrenten Liberty Mutual. Die Aktionäre jubelten, denn der Kaufpreis pro Aktie lag um 50 Prozent höher als die Börsennotierung.

So ein Paukenschlag kann ihr bei AIG wohl kaum gelingen. Der Kurs war vorgegeben, als sie ihr neues Amt antrat, nur wenige Tage, nachdem der Safeco-Verkauf abgeschlossen war: Zwei Drittel von AIG sollen verkauft werden, um die Milliarden-Schulden zurückzuzahlen, die der Konzern beim amerikanischen Steuerzahler hat. Darauf hat sich AIG-Chef Edward Liddy festgelegt. Doch ein paar kleine Trommelwirbel hat sie sich immerhin erlaubt. Sie kritisierte die anfängliche Strategie des Konzerns, nur den Lebensversicherungsbereich abzustoßen. Dieser Geschäftszweig hat in der Rezession unerwartet stark gelitten. „Der Hypotheken- und Haftpflichtbereich wäre besser zu verkaufen gewesen“, sagte Reynolds. „Nun müssen wir von allem etwas auf den Markt bringen, um den Staatskredit zurückzuzahlen.“

Da hat sie einige Erfolge vorzuweisen. Unter anderem verkaufte AIG seine Private Bank, die Versicherung Hartford Steam Boiler und die AIG Life Insurance of Canada. Mit insgesamt 2,3 Mrd. Dollar sind die Erlöse allerdings weit niedriger als erhofft.

Ein Traumjob sieht anders aus. Reynolds deutete schon an, dass sie nicht bleiben wolle, bis alle Sparten verkauft sind. Finanziell ist die Saniererin, die 2008 ohne Gehalt für AIG arbeitete, ohnehin unabhängig – Safeco gab ihr als Abfindung 17,6 Mio Dollar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%