Aktien werden in der Familie gehalten - Börsengang ist kein Thema
Ein leidenschaftliches Paar

Wer die Bar „MilanoR“ am Rande der Mailänder Innenstadt betritt, fühlt sich schlagartig an die New Economy erinnert. Der Club ähnelt einem Loft: hohe Decken und unverputzte Wände, an denen moderne Kunst im Format drei mal drei Meter hängt, und das neben Lampen, die mit ihren ellipsenförmigen Schirmen aussehen wie Ufos im Miniaturlook – alles schön durchgestylt, bis hin zum überraschenden Blick durch schaufenstergroße Scheiben in einen Hinterhof, in dem Alt-Autos träge vor sich hinrosten.

MAILAND. Doch wer hier, während der Herren-Modemesse dafür Augen hat, ist irgendwie fehl am Platz. Überall in Mailand gibt es an den angesagtesten Orten der Stadt diese „Fashion Aperitivos“, wo die Frühjahrskollektionen 2005 präsentiert werden: Zegna, Armani und Versace sind dabei und mittendrin auch Strenesse mit Vorstand Gerd Strehle.

Der Mann mit der schlanken Figur, dem fein geschnittenen Gesicht und dem vollen Haar ist an diesem Sommerabend sein eigenes Model. Er trägt einen grauen Nadelstreifenanzug aus eigener Kollektion, und sein beiges Hemd steht bis zum dritten Knopf offen. Um ihn herum tummeln sich 150 geladene Gäste, die zu Rohkost bunte Cocktails schlürfen.

Mit verschränkten Armen blickt der 62-Jährige, der auch für Anfang 50 durchgehen würde, auf seine wahren Models, die im „MilanoR“ seine neue Herrenmode vorstellen. Die einen kleiden sich in hellrote oder blaue Sakkos, tragen dazu Sommerhosen und Hemden, gerne in Beigetönen, während gleich nebendran andere in Braun-orange zu bestaunen sind. Die jungen Männer lümmeln sich auf Couchen, trinken Bier oder blättern in Zeitungen.

Von der typischen Modenschau samt Laufsteg ist die Inszenierung weit entfernt, und genau das gefällt Gerd Strehle: „Unsere Mode zeichnet sich durch ihre Klarheit aus. Wir wollen das nicht durch übertriebene Effekte verwässern.“ Tatsächlich hat es Strehle auf diese Weise geschafft, das bayerische Familienunternehmen als einzige selbstständige deutsche Modefirma im internationalen Premiumsegment zu etablieren. Eine Firma, die er in der zweiten Generation führt. Und die vor 30 Jahren unter dem Namen Strehle KG noch schlichte Damenmäntel herstellte und erst in den neunziger Jahren in die erste Liga der Designer wechselte, als Strehle seiner Frau Gabriele, 53, die kreative Leitung des Unternehmens übertrug.

Die zierliche Designerin mit den glatten, schulterlangen Haaren war als junge Frau zu Strehle gekommen. Sie hatte eine Schneiderlehre absolviert und später Modedesign studiert. Für ihren schlichten, einfachen Stil wird sie in Modezentren wie Mailand sehr geschätzt. 2002 erhielt sie gar den „Oscar della Moda“ als beste ausländische Kreative.

„Strenesse ist Spannung pur, das leben wir als Paar an der Spitze immer wieder vor“, sagt Gerd Strehle und bezieht das ausdrücklich auch auf jede Diskussion zur Strategie des Unternehmens, also auch auf die Frage: Wer soll uns eigentlich mal beerben?

„Viele Diskussionen“, so Strehle, habe er mit seiner Frau darüber geführt, damals vor vier Jahren. Und sich dann dazu entschlossen, die Firma mit einem Umsatz von knapp 100 Millionen Euro in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. „Wir wollten als Familie bewusst ein Stück der Kontrolle abgeben“, sagt er, „und fremden Managern den Weg an die Spitze ebnen.“ Eine Variante, die Unternehmensberatungen wie KPMG oder Apax Partners allen Familienbetrieben immer wieder zumindest zur Prüfung empfehlen. „Das ist meist ein überdenkenswerter Schritt. Es kommt keine Neidstimmung auf, die das Unternehmen lähmen könnte“, sagen die Berater. Und: „Wer als AG firmiert, sendet wichtige Signale nach außen: Transparenz und die Fähigkeit, das Urteil auch externer Berater und Manager wahrzunehmen – Eigenschaften, die Selfmade-Unternehmern oft fehlen.“

Nicht so bei der Strenesse AG, deren Aktien nach wie vor von der Familie gehalten werden und wo ein Börsengang kein Thema ist. Dort besetzen inzwischen mit Peter Kappler und Marc Höfig zwei familienfremde Manager Vorstandsposten. Gerd Strehle sagt: „Die endgültige Entscheidung, wer später die Führung übernehmen wird, trifft der Aufsichtsrat, und auch der besteht aus Externen.“

Zwei Kandidaten aber wird das Kontrollgremium sicher genauer prüfen. Zum einen Strehles Sohn Luca, 29, aus erster Ehe, der vor Jahren den Internet-Auftritt der Firma lancierte. Jetzt aber bei Daimler arbeitet. Und seine Tochter Viktoria, 26, der Vater Gerd ein „feines Gespür“ für Mode bescheinigt. Früher hat die junge Frau für die Warenhauskette Saks in New York gearbeitet und für Harrod’s in London. Über seine Tochter sagt Strehle: „Ich hoffe, dass wir ihr hier eine Karriere bieten können, die sie reizt.“

Derzeit verantwortet sie die acht Strenesse-eigenen Geschäfte in Deutschland und damit die wichtigste Vertriebsschiene. Die Tochter schaut der Stiefmutter auch bei der Designarbeit so häufig wie möglich zu. Und lernt, wie neue Trends verarbeitet werden. Trends, die Viktoria zuvor oft genug selbst in den Metropolen der Welt entdeckt hat.

Seit zwei Jahren ziehen die Strehles nun auch Männer an, die sich, so Gerd Strehle, „einen persönlichen Stil gönnen“ und dazu das nötige Kleingeld haben. Strenesse kann sich nicht jeder leisten: Hemden gibt es kaum für unter 150 Euro, Anzüge allenfalls ab 500 Euro. Verdient hat Strenesse damit noch nichts. „Die Kinderkrankheiten der Herrenkollektion sind aber nun behoben“, sagt Strehle, „jetzt sitzt alles perfekt.“ Der Manager eines ebenfalls in der Branche arbeitenden Unternehmens bestätigt das, warnt aber auch: „Die Kollektion ist nun wirklich gut, frisch und interessant. Aber auch sehr teuer. Es ist die große Frage, ob die Kundschaft, wenn sie so viel Geld ausgibt, nicht lieber gleich Armani will.“

Nach zwei Jahren mit Umsatzrückgängen von bis zu zehn Prozent und hellroten Zahlen ist nach Aussage Strehles jetzt eine „deutliche Erholung“ spürbar. Verstärkt werden soll dieser Trend durch viel Marketing. Ab Anfang August gibt es eine breite Kampagne mit Boris Becker, 2005 soll die Herren-Kollektion schwarze Zahlen liefern.

Die wird in einer ehemaligen Porzellanfabrik im Mailänder Süden entworfen, in einer Gegend südlich der Porta Génova.Die Fabrik wurde zu einem Atelier umgebaut. Im hübsch hergerichteten Innenhof treffen sich die Mitarbeiter auf einen Espresso und reden schon mal über den Generationswechsel. Eine junge Managerin sagt: „Können Sie sich dieses leidenschaftliche Paar nur beim Golfen vorstellen?“

Peter Brors
Peter Brors
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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