Alarmierter Gewerkschafter
Verdi-Chef Bsirske: Der Schwarzseher

Frank Bsirske hat Angst. Keine Angst vor mächtigen Gegnern in Politik und Wirtschaft, auch nicht vor kritischen Journalisten. Das gehört für ihn zum Alltag. Bsirske fürchtet die um die wirtschaftliche Lage Deutschland – und fordert von der Zentralbank und den Kreditinstituten, mehr gegen die Krise zu tun.

FRANKFURT. Vor mächtigen Gegnern aus Politik und Wirtschaft hat Frank Bsirske keine Angst, auch nicht vor kritischen Journalisten. Im Gegenteil: An ihnen reibt der Vorsitzende der Gewerkschaft Verdi sich gerne. Doch in diesem Fall geht es um die wirtschaftliche Lage in Deutschland. Und da stehe das Schlimmste noch bevor, fürchtet er. Deshalb fordert er die Europäische Zentralbank klipp und klar dazu auf, „die expansive Geldpolitik beizubehalten“. Notfalls sollte die Notenbank die Zinsen sogar unter die jetzige Marke von einem Prozent senken. Ohne Wenn und Aber.

Denn für den Gewerkschafter mit der klaren Gestik und stets deutlichen Worten stehen natürlich die Arbeitsplätze im Mittelpunkt. Wie könnte es auch anders sein. Sonst hätte er seinen Job verfehlt. Alles andere muss sich diesem Primat unterordnen. Gerade wenn es darum geht, die Zahl der Arbeitslosen deutlich zu verringern.

Bsirske sieht keine Inflationsgefahren. Nein. Er malt das Schreckgespenst einer Deflation an die Wand, das Güter und Dienstleistungen Monat für Monat billiger werden lässt. Er zeichnet die Situation in Japan Anfang der 90er-Jahre nach, wo nach dem Platzen der Immobilienblase eine lange Phase mageren Wachstums folgte – obwohl die Notenbank zeitweise quasi eine Null-Zins-Politik einläutete.

Bsirske, Sohn eines Arbeiters der Volkswagen AG und einer Krankenschwester, kann sich ereifern, wenn er von „massiven Entlassungen“ spricht, die er auf Deutschland zukommen sieht. Nach der Bundestagswahl Ende September, versteht sich. Denn solange hielten sich die Arbeitgeber zurück. Bsirske erwartet mehr Unternehmensinsolvenzen, mehr Ausfälle bei den Konsumentenkrediten und damit verbunden steigende Abschreibungen bei den Banken, was letztlich die Kreditklemme verschärfe.

Ohnehin zeigt sich der ehemalige Bildungssekretär im Bezirk Hannover der Sozialistischen Jugend Deutschlands alarmiert von der Haltung der Banken. Sie saugten billiges, subventioniertes Zentralbankgeld bei der EZB auf und nutzten dies, um „spekulative Aktivitäten fortzusetzen“ – eben in bester Vorkrisenmanier.

Seine Lösung: Größere Kredite müssten unter Staatsgarantie vergeben werden, zu brauchbaren Konditionen. Denn es könne doch nicht angehen, dass inzwischen US-Heuschrecken, also Finanzinvestoren, bevorzugt als Kreditgeber genutzt werden. Verkehrte Welt aus Sicht von Bsirske.

Über die neuen, alten Banken schimpft der 57-Jährige liebend gerne. „Der Kasinobetrieb läuft wieder an“, so die Analyse des Mannes, der sich meist im Griff hat. Die Kreditinstitute würden sich erneut in Wetten an den Märkten engagieren. Deshalb fordert Bsirske eine stärkere Regulierung der Institute. Im Kleinen hat er selbst einmal Reformen angetrieben, als er um die Jahrtausendwende im Personal- und Organisationsdezernat der Stadt Hannover arbeitete und dort etwa für kundenfreundliche Bürgerämter sorgte, aber auch einen Arbeitsplatzabbau mittragen musste.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte
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