Analysten skeptisch
Der loyale Kronprinz

Ihn hatte kaum jemand auf der Liste. In der brodelnden Gerüchteküche um den Chefposten bei der weltgrößten Bank tauchte der Name Charles Prince nur selten auf. Doch der unscheinbare 53-Jährige übernimmt Anfang nächsten Jahres den mächtigsten Posten der weltweiten Finanzszene: Er wird Chief Executive Officer (CEO) der Citigroup. Prince ist der erste Jurist, der mit geringer Erfahrung im operativen Bankgeschäft an die Spitze eines führenden Wall-Street-Hauses tritt.

NEW YORK. Investoren, die Überraschungen bekanntlich hassen, bereiteten dem Kronprinzen des legendären Konzernchefs Sanford Weill, 70, einen kühlen Empfang. Als die Nachricht am Mittwoch die Runde machte, prügelten sie die Citigroup-Aktie um fast drei Prozent nach unten.

Der bekannte Bankanalyst Michael Mayo vom Versicherer Prudential wertete die Nachricht als „unterm Strich negativ“. Prince genieße zwar als Rechtsexperte bei den US-Regulierungsbehörden einen exzellenten Ruf, den er sich in schwierigen Verhandlungen erarbeitet habe. Aber sein mangelnder Bekanntheitsgrad verunsichere die Anleger.

Prince bekommt mit Robert Willumstad, dem Chef der Citigroup-Privatkundensparte, einen anerkannten Erfolgsbanker zur Seite gestellt, der aber selbst lange als möglicher Erbe Weills galt. Einige Analysten zweifeln deshalb, ob Willumstad sich auf Dauer mit dem Nummer-zwei-Job des Chief Operating Officer zufrieden gibt.

Prince weiß, dass er eine Mammutaufgabe übernommen hat. „Ich bin begeistert, und ich bin verschreckt“, beschrieb er am Mittwoch in einer Telefonkonferenz seine widersprüchlichen Gefühle. Er machte keinen Hehl daraus, dass sein langjähriger Ziehvater Sanford Weill auch künftig für die Außendarstellung zuständig bleibt. „Sandy ist unser Botschafter, ich brauche nach außen künftig nicht groß in Erscheinung zu treten“, antwortete Prince auf eine kritische Analystenfrage. Weill bleibt bis 2006 Chairman der Citigroup und hält weiter den Kontakt zu Spitzenpolitikern und Großkunden.

Die Arbeitsteilung charakterisiert das Verhältnis zwischen den beiden langjährigen Weggefährten „Chuck“ Prince und „Sandy“ Weill, die zuletzt gemeinsam je 30 Pfund abspeckten. Während Weill mit aggressiven Übernahmen zum König der Wall Street aufstieg, agiert Prince seit über 17 Jahren als treuer Diener.

Die beiden lernten sich 1979 kennen, als Prince zu Weills damaliger Firma Commercial Credit Company stieß. Seit er 1983 Chefjurist wurde, verhandelte Prince jede wichtige Transaktion. Er setzte die ehrgeizigen Wachstumspläne Weills um – vom Börsengang des Konsumkredithauses Commercial Credit über die Fusionen mit den größeren Finanzhäusern Primerica und später Travelers Group bis zur Fusion mit der damals größten US-Geschäftsbank Citicorp. Im vergangenen September berief Weill seinen Zögling überraschend an die Spitze der Investmentbankingsparte der Citigroup. Dort lieferte Prince sein Meisterstück ab: In wenigen Monaten einigte er sich mit dem New Yorker Staatsanwalt Eliot Spitzer auf einen Vergleich, der die Citigroup 400 Millionen Dollar kostete. Damit half er der Bank und seinem Chef Weill, die wegen unseriöser Aktienstudien und unsauberer Geschäfte bei Börsengängen in die Kritik geraten waren.

„Prince ist ein Mann des Ausgleichs“, sagt ein Mitarbeiter der Citigroup-Investmentsparte dem Wall Street Journal (WSJ). Im Gegensatz zu seinem knallharten Ziehvater Weill führe er Gespräche nicht konfrontativ, sondern suche gemeinsam mit Untergebenen nach der besten Lösung. Seine Loyalität zu Weill ist legendär. Laut WSJ verschob er sogar einst die Operation seines Nierenkrebsleidens, um die Details der Travelers-Übernahme auszuhandeln. Typisch sei auch die Geste, mit der er seinen Regenschirm zuweilen über den Kopf seines Förderers halte, auch wenn er selbst dabei nass werde.

Nun soll also der langjährige Adjutant Weills neuer Citigroup-Chef werden. Zweifler munkeln, dass Prince den Job nicht zuletzt deshalb bekam, weil sein arbeitswütiger Chef auch künftig die Zügel nicht aus der Hand geben will.

Der noch amtierende Citigroup-Chef trug am Mittwoch wenig dazu bei, solche Vermutungen zu widerlegen. Zwar betonte Weill, er sei „erwachsen genug“, um dem Führungsduo Prince und Willumstad nicht in die Parade zu fahren. „Die beiden werden den Laden hier schmeißen, daran sollte kein Zweifel bestehen“, sagte er jovial – nur, um gleich hinterherzusetzen: „Und sie sollten dabei besser nicht versagen.“ Die unausgesprochene Drohung dahinter lautete: Falls die geplante Führungsstruktur nicht funktioniert, hat Weill als Chairman genügend Einfluss, um seinen Nachfolgern den Laufpass zu geben.

Prince versteht die Warnung: „Das werden wir uns gut merken“, beeilte er sich zu sagen. Ein unabhängiger Konzernchef klingt anders.

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