Angela Merkel
Physikerin der Macht

Berlin, Bahnhof Zoo, Bahnsteig 4. Niemand nimmt sie wahr, die mächtigste Politikerin des Landes. Blauer-Sack-Parka, undefinierbar graues Beinkleid, gesenktes Haupt. Die Macht kommt manchmal ganz schön unscheinbar daher. Besonders dann, wenn sie sich als Angela Merkel verkleidet.

HB BERLIN. Dann ist es wie bei Harry Potter, dem als Junge verkleideten Zauberer, der durch lauter Betonmauern zum magischen Bahnsteig 9 3/4 verschwindet. Doch jetzt ist Angela Merkel die erste Kanzlerin Deutschlands. Verschwinden gilt nicht mehr.

Statt schwarzer Magie sind es eisernes Durchhaltevermögen, intuitive Intelligenz und unbändiges Streben, die sie dahin drängten, wo vor kurzem noch ein anderer, Gerhard Schröder, stand: ins Kanzleramt. Mit ihrem strategischen Genie hat die gelernte Physikerin zuerst Betonmauern und Betonköpfe in ihrer Partei überwunden. Lange Monate hatten ihr die alten Herren der alten Union die Fähigkeit abgesprochen, die Partei zu führen und eine Erfolg versprechende Kandidatin für das Kanzleramt zu sein. Deshalb verhinderten sie im Jahr 2002 die Kandidatur der Ostdeutschen und Protestantin und hoben statt ihrer Edmund Stoiber auf den Schild. Der CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident verlor indes und legte damit den Grundstein für den Erfolg der 51-jährigen Politikerin.

Angela Merkel kennt Deutschland, das gesamte Deutschland, erst seit dem Fall der Mauer. Denn obwohl in Hamburg geboren, verschlug es ihre protestantische Pfarrersfamilie in den DDR-Staat der Ulbrichts und Honeckers. Dort wurde Angela Kasner sozialisiert als Aufwachsende, Studentin und Wissenschaftlerin. Zur Politik hielt sie damals ein distanziertes Verhältnis. Opponieren galt nicht als erfolgreiche Strategie im Fortkommen. Nicht wenige saßen als politische Häftlinge ein. So viel politisches Engagement umtrieb sie damals nicht.

Das begann richtig erst als CDU-Mitglied und als Helmut Kohls „Mädchen“. Er war es auch, den sie im Verlauf der CDU-Spendenaffäre um die heimlichen und verheimlichten Konten der Partei kühl, ja kalt abservierte – um selbst auf den Hochsitz der Partei zu klettern und Wolfgang Schäuble das Amt des Parteivorsitzenden abzuluchsen. So ist Merkel ein Phoenix der CDU, eine aus der Asche der Affäre und der darin verglimmenden Partei der Altvorderen Auferstandene.

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