Ausblick von Standard & Poor’s
Europa bleibt „Sweet Spot“ für Unternehmen

Die Ratingagentur Standard & Poor’s hat sich die Aussichten der Unternehmen für 2016 vorgeknöpft. Europäische Firmen stehen weitaus besser da als die im Rest der Welt. Aber längst nicht jede Branche profitiert.

FrankfurtSchaut Tobias Mock, Managing Director der Rating-Agentur Standard & Poor’s, auf das in wenigen Wochen beginnende neue Jahr, ist er für die Unternehmen in Europa zuversichtlich. Die Aussichten seien hier deutlich besser als in Nordamerika und Asien. „Die Grundvoraussetzungen sind gut, eigentlich sieht es für Europa ganz gut aus“, sagte der Rating-Experte am Mittwoch in Frankfurt – um sogleich den Einschub „eigentlich“ zu erläutern: „Nicht jede Branche wird profitieren.“

Selten zuvor war die Situation in der europäischen Unternehmenswelt so uneinheitlich. Das zeigt sich etwa beim Blick auf die einzelnen Ausblicke, die S&P für europäische Firmen aktuell erstellt hat. Hatte es in den Vorjahren stets einen recht eindeutigen Trend in der Summe gegeben, halten sich die positiven und negativen Einschätzungen derzeit nahezu die Waage.

Die Erklärung: Die guten Rahmenbedingungen, die in Europa für die Wirtschaft herrschen, kommen nicht bei allen Firmen an. Derzeit belebt ein Mix aus viel frischem Geld durch die Europäische Zentralbank, niedrigen Zinsen, niedrigen Rohstoffpreisen und einem schwachen Euro die Geschäfte. Doch während sich etwa konsumnahe Branchen über diesen Cocktail freuen können, leidet zum Beispiel die Öl- und Gasbranche wie kaum eine andere.

Gleichzeitig gibt es weitere Faktoren, die die eigentlich positive Grundstimmung von S&P etwas eintrüben. Mock nennt zum Beispiel die wachsende Regulierung, sei es nun beim Thema Abgas in Folge des VW-Skandals oder die nach wie vor politisch nicht geklärte Frage von künftigen Emissionsgrenzen. Auch die viel zitierte Digitalisierung wird Branchen weiter zusetzen. Heikel dabei: Während sich etwa in der Hotelbranche durch neue Anbieter wie Airbnb oder im Taxiverkehr durch Uber bereits zeigt, was das für Folgen hat, ist es kaum abzuschätzen, wo es wen als nächstes hart treffen wird. Auch die Experten von S&P täten sich hier schwer mit einem Urteil, räumt Mock ein.

Dennoch ist laut Mock kein Platz für Trübsal. Vieles stimmt für Europa zuversichtlich. Waren es zum Beispiel in den zurückliegenden Jahren vor allem die Privatkonsumenten, die mit Krediten die Nachfrage angekurbelt haben, melden sich allmählich auch die Unternehmen wieder zu Wort. „Die Firmen kommen hier wieder hoch, wenn auch nur langsam“, so der Rating-Experte.

Für das kommende Jahr erwartet Mock deshalb auch eine Hochkonjunktur für Übernahmen und Fusionen, nachdem bereits 2015 als das wahrscheinlich zweitbeste Jahr seit 2004 verzeichnet werden kann. „Viele Übernahmen werden deutlich stärker kreditfinanziert sein“, sagte Mock.

Das sorgt freilich für einen Wermutstropfen. „Das Kreditausfallrisiko wird im kommenden Jahr deutlich steigen“, warnt Mock. Allerdings sei der Wert 2015 auch auf einem historischen Tiefstand gewesen und bleibe auch 2016 voraussichtlich unter dem langjährigen Mittel. Mehr noch: Europa dürfte in diesem Punkt besser abschneiden als etwa die USA, wo der Wert deutlich höher liegen werde.

„Für uns ist Europa derzeit das, was wir als einen Sweet Spot bezeichnen“, so Mock – frei übersetzt: ein optimaler Bereich.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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