Brady Dougan
Stiller Arbeiter

Der neue Mann an der Spitze von Credit-Suisse lässt sich bei den wichtigsten Kunden, aber nicht in der Öffentlichkeit sehen. Spektakuläre Umbesetzungen in der Führungsebene: Fehlanzeige. Für Brady Dougan gilt vor allem eine Devise: Weitermachen wie bisher.

ZÜRICH. Sein erster Tag gehörte nicht zu den erfreulichsten: Als Brady Dougan Anfang Mai die Führung der Schweizer Großbank Credit Suisse von seinem charismatischen Vorgänger Oswald Grübel übernahm, schwappte gerade eine unangenehme Nachricht über den Atlantik: Ein 37-jähriger Investmentbanker der Credit Suisse wurde von FBI-Agenten festgenommen, nachdem er Tipps über bevorstehende Fusionen verhökert hatte. „Geschockt und enttäuscht“ sei man darüber, was der Banker, der aus dem Bereich stammt, den letztlich Dougan bisher geleitet hatte, angerichtet habe, hieß es von der Bank.

Seither herrscht Ruhe bei der Credit Suisse. Der neue Mann an der Spitze lässt sich bei den wichtigsten Kunden, aber nicht in der Öffentlichkeit sehen. Spektakuläre Umbesetzungen in der Führungsebene: Fehlanzeige. Dougan richtet sein Büro genau dort ein, wo vorher Grübel regiert hat: in der Credit-Suisse-Zentrale am Zürcher Paradeplatz. Die Räume werden renoviert, Statussymbole gibt es keine. Welche Bilder wo hängen – den 47-jährigen, der weder goldene Manschettenknöpfe trägt noch stundenlang über Spitzenjahrgänge und Golfhandycaps räsoniert, interessiert es nicht. Eine gekühlte Cola Light in der Nähe ist ihm da schon wichtiger. Er lernt deutsch, was bei einem Konzern, in dem doch deutlich mehr als ein Drittel der Mitarbeiter in der Schweiz arbeiten, gut ankommt.

Wie sein Führungsstil sein wird? Auf die Frage antwortet er in einer bankinternen Mitarbeiterzeitschrift unaufgeregt: „Mit nur 20 Prozent der Informationen kann man keine Entscheidung fällen. Hat man hingegen 80 Prozent, muss man entscheiden“, stellt er fest. Darüber hinaus, so sagt er und manche sehen darin den Generationsunterschied zu seinem Vorgänger, wolle er die Talente seiner Mitarbeiter fördern. „Das heißt, für sie da zu sein, auf ihre Fähigkeiten zu vertrauen und ihnen den nötigen Freiraum zu bieten, damit sie handeln können.“ Schließlich brauche er als Chef „eine überzeugende Vision und einen klaren Plan, wie sie zu erreichen ist.“

Beides muss er allerdings nicht neu erfinden, sondern kann es bis auf weiteres so übernehmen, wie es sein Vorgänger hinterlassen hat. Grübel hat ein bestelltes Haus übergeben, in dem sich die beiden Kerngeschäftsfelder, das Investmentbanking und das Geschäft mit der Vermögensberatung in etwa die Waage halten und wo nach Kräften daran gefeilt wird, wie der eine Bereich den anderen befruchten kann. „Es wäre falsch, wenn Dougan daran etwas ändert“, meint ein Vermögensverwalter aus seiner Umgebung. Stimmen, die von der Gefahr redeten, dass die Credit Suisse unter Dougans Führung eine aufs Investmentbanking ausgerichtete amerikanische Bank werden könnte, sind verstummt.

Die Bewährungsprobe allerdings, so sind sich alle Beobachter einig steht noch aus. Zurzeit laufen die Märkte wie geschmiert. Ändert sich der Zyklus, wird Dougan zeigen, so sagt es ein Mitarbeiter, ob er der eigentlichen Herausforderung gewachsen ist: eine Bank zu führen, wenn es an den Märkten bergab geht. Sein Vorgänger war in einer solchen Situation als Retter aus dem Ruhestand wieder aktiviert worden. In diese Verlegenheit will Dougan den Konzern nicht noch einmal bringen.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%