Brüderlich vereint
Aldi-Story Teil IV: Keimzelle Krämerladen

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Dabei waren sie nicht erkennbar prädestiniert für das Titanische. Karl und Theodor "Theo" Albrecht werden 1920 beziehungsweise 1922 als Söhne des Bergarbeiters und gelernten Bäckers Karl Albrecht geboren. Als der Vater nach jahrzehntelanger Schufterei unter Tage mit einer Staublunge die Bergmannshacke endgültig in die Ecke stellen muss und eine schlecht bezahlte Stelle in der Brotfabrik Staufenberg annimmt, eröffnet seine Frau Anna Albrecht einen Krämerladen im Essener Bergarbeitervorort Schonnebeck.

Im elterlichen Geschäft holt sich Theo nach Besuch der Mittelschule das kaufmännische Rüstzeug. Sein älterer Bruder Karl heuert nach der Schule als Lehrling beim Essener Feinkostgeschäft Weiler an.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, den die Brüder in der Wehrmacht als einfache Soldaten überstehen, übernehmen die Brüder das im Krieg unversehrt gebliebene Geschäft der Mutter und bauen nach und nach eine kleine Ladenkette auf. Nach dem verlorenen Krieg ist die Gier nach Leben ebenso groß wie der Hunger. Nur am nötigen Kleingeld haperts.

So locken die Brüder mit einem Grundnahrungsmittel, das sie bis heute konkurrenzlos billig verkaufen: Butter. Anstatt teure Kühlgeräte anzuschaffen, lassen sie die leicht verderbliche Ware nach Ladenschluss in den kühlen Keller schaffen. 1960 erzielen Karl und Theo mit 300 Geschäften einen Umsatz von 90 Millionen Mark.

1961 - das Schicksalsjahr der Deutschen: In den Wirren der politischen Ost-West-Teilung Deutschlands geht die famililäre Nord-Süd-Spaltung der Albrecht-Läden unter. Die Ursachen für das Zerwürfnis der Brüder und die Teilung des Unternehmens liegen bis heute im Dunkeln. Jedenfalls will Theo statt der "Kollegial- die Einzelführung". Nach Kolonialherrenart ziehen die Albrechts eine Grenze von Bocholt an der niederländischen Grenze, quer durch das Ruhrgebiet, entlang der Sauerlandlinie bis ins damalige hessische Zonenrandgebiet. Theo, der die Läden nördlich der Ruhr bekommt, pappt seinen Filialen das spartanische blau-weiß-rote Signet an, Karl, der Orchideenzüchter, liebt es bunter und nimmt für den südlichen Teil der Läden die Farben gelb, orange, rot und blau.

Doch mit den Kolonialwarenläden alter Prägung stoßen die Albrechts bald an ihre Grenzen. Sie wollen lieber wenige Massenartikel wie Butter, Mehl und Konserven verkaufen, dafür aber konkurrenzlos billig, durch den Verzicht auf Personal und Ladeneinrichtung. 1962 eröffnet Theo in Dortmund den ersten Aldi-Markt (von Albrecht-Discount). Knapp zehn Jahre später verkauft das Brüderpaar seine Lebensmittel in über 300 Städten - und trägt maßgeblich dazu bei, jenem Geschäftstypus den Garaus zu machen, aus dem sie selbst gekommen sind: dem Tante-Emma-Laden.

Während die Konkurrenz fusioniert, aufkauft oder neue Handelsformen entwickelt, gehen die Brüder konsequent ihren eigenen Weg: Sie wachsen organisch, halten das Sortiment überschaubar, verzichten auf opulente Regale zu Gunsten höchstmöglicher Qualität und günstiger Preise.

Bei der Qualität ist Aldi kompromisslos. Ständig werden die Aldi-Kreationen in eigenen Labors und bei unabhängigen Instituten kontrolliert. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Stiftung Warentest. Ein "Befriedigend" wurde gerade noch akzeptiert, nicht aber ein "Ausreichend"; wie etwa Ende vergangenen Jahres, als die Vorkoster der Nation Olivenöle unter die Lupe nahmen und das Nord-Öl "Lorena" durchfiel. "Aldi hat vorab das Ergebnis des Tests bekommen und wir mussten innerhalb von 24 Stunden die gesamte Ware aus dem Markt entfernen", berichtet ein Filialleiter. "Dem Lieferanten die Ware wieder zur Verfügung stellen" heißt das im Aldi-Jargon. Dass ausgerechnet das Olivenöl des Aldi-Epigonen Lidl am besten abschnitt, hat Theo schier zur Raserei gebracht.

Nicht dass die Wettbewerber in puncto Qualität schlampen würden, aber gut 600 Produkte lassen sich halt viel besser überwachen als 30 000 und mehr. Die Kontrollen dienen auch dem Selbstschutz. Anders als bei Markenartikeln haftet bei Eigenmarken nicht der Hersteller, sondern der so genannte Inverkehrbringer - also Aldi.

"Wer an Aldi liefert, ist ausgeliefert", so ein gängiges Vorurteil. Kenner der Materie sehen das anders. Wie etwa der Langenfelder Unternehmensberater Günter Fiesser, der früher als Vertriebsleiter des Waschmittelherstellers Luhns selbst mit Aldi verhandelt hat. "Das schönste Unternehmen mit dem man zu tun haben kann ist Aldi", lobt Fiesser die Geschäftsbeziehungen.

Die Bedingungen seien knallhart, aber fair. Steigen etwa in der Vertragslaufzeit die Rohstoffpreise, gehe das zu Lasten des Herstellers. Ist Aldi andererseits gezwungen, auf Grund der Wettbewerbssituation die Preise zu senken, nehme der Discounter das auf seine Kappe. "Es gibt bei Aldi keine Nachforderungen oder komplizierte Rabatt- und Bonusstaffeln. Der einmal vereinbarte Nettopreis gilt, für beide Parteien."

Auf Aldi angesprochen verstummen die Lieferanten beinahe so wie die Aldi-Fürsten höchstpersönlich. Sie wissen nur zu gut: Verschwiegenheit ist in der Aldi-Welt keine Zier, sondern oberstes Gebot. Immerhin: "Wir haben ein gutes Verhältnis und wir freuen uns, den Kunden Aldi beliefern zu dürfen", lässt sich Josef Stollenwerk, Erbsen- und Möhrchenlieferant aus Blatzheim bei Köln, entlocken.

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