Buchhalterin war fassungslos
Tag 6: Esser verlangte höheren Wechselkurs

Helga Anne Schoeller war als Sachbearbeiterin 25 Jahre lang für die Vorstandsvergütung zuständig. Heute war ihr Auftritt in der Neuauflage des Mannesmann-Prozesses. Sie erinnert sich im Zeugenstand präzise an die Geschehnisse rund um das Buchhaltungs-Konto "Winners-Project", über das die umstrittenen Millionenprämien flossen.

HB DÜSSELDORF. Für Helga Anne Schoeller hat es wohl zynisch geklungen: "Winners Project" hieß das Buchhaltungs-Konto, über das die umstrittenen Millionenprämien nach der verlorenen Abwehrschlacht von Mannesmann gegen Vodafone flossen, wie Staatsanwalt Dirk Negenborn am Freitag scheinbar beiläufig erwähnt. Für die inzwischen 69-Jährige war es kein "Gewinnerprojekt" und auch nicht die "zweitbeste Lösung", wie Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann die Übernahme genannt hatte, sondern "der Untergang". Der Untergang eines Konzerns, in dem schon ihr Großvater und ihr Vater gearbeitet hatten und in dem sie selbst 46 oft harte Arbeitsjahre verbracht hat.

Wie gelähmt und fassungslos sei sie damals von der Nachricht gewesen, dass es den Traditionskonzern Mannesmann bald nicht mehr geben würde, schilderte die Rentnerin bei der Neuauflage des Mannesmann-Prozesses. Präzise erinnert sich Schoeller, die 25 Jahre lang als Sachbearbeiterin für die Vorstandsvergütung zuständig war, im Zeugenstand des Düsseldorfer Landgerichts auch an andere ungewöhnliche Vorgänge im Februar 2000. Mal wurde eine Millionenprämie im letzten Moment gestoppt, dann wurden Beschlüsse "20 Mal korrigiert". "Was soll das denn sein?", habe sie gefragt, als ihr ein Mitarbeiter einen Beschluss des Aufsichtsratsausschusses für Vorstandsangelegenheiten vom 4. Februar 2000 zur Umsetzung überreicht habe.

Sofort habe sie gesehen, dass sich der Unterzeichner des Papiers, der damalige Aufsichtsrats-Chef Joachim Funk, selbst einen stattlichen Millionenbetrag zugewiesen hatte. "Das finde ich nicht richtig", habe sie ihrem Kollegen aus der Direktionsabteilung gesagt, der ihr nun als Angeklagter im Gerichtssaal gegenüber sitzt, weil er solche Bedenken offenbar nicht hatte.

Es werde noch eine Anweisung von Konzernchef Klaus Esser folgen, habe der Kollege zu beschwichtigen versucht. "Die wird auch nichts nutzen", habe sie erwidert. Schoeller vertraute sich mit ihren Bedenken gegen den Abfluss der Konzernmillionen einem Wirtschaftsprüfer der KPMG an. So gehe das nicht, er werde sich der Sache annehmen, habe ihr der Prüfer versichert.

Auch das Prämienschreiben an das Team, das die Abwehrschlacht geführt hatte, löste bei Schoeller Stirnrunzeln aus. "Das war auf einem Bogen der Mannesmann AG geschrieben und von Funk und Esser unterzeichnet." Während Funk aber für die AG nicht unterzeichnen durfte, habe Esser seinen Vorstandskollegen kein Geld anweisen dürfen. Zwei der Vorstände, die vom Aufsichtsrat bedacht werden sollten, seien zudem noch gar nicht in den Vorstand berufen gewesen. Eine Woche später sei ihr dann ein neuer Beschluss nachgereicht worden, der ihre formellen Bedenken dann ausgeräumt habe.

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