Die Chef-Beraterin
Die dunkle Seite des Hellsehens

Jedes Unternehmen hat seine Gedankenleser. Sie beziehen jedes Stirnrunzeln, jedes Schweigen, jeden herabhängenden Mundwinkel ihrer Kollegen unablässig auf sich selbst. Und machen sich damit ihr Arbeitsleben schwer.
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Der Magier Houdini war seinerzeit ein leidenschaftlicher Anti-Spiritualist. An Zauberei glaubte er nicht und bestritt vehement, selbst über übernatürliche Kräfte zu verfügen. Dennoch konnten sich seine Zeitgenossen auf den Kleinkunstbühnen in aller Welt einen Namen als „Gedankenleser“ machen. Das Gedankenlesen als leichte Unterhaltung ist hunderte Jahre alt und immer mal wieder en Vogue. Auch wenn Uri Geller vielleicht der letzte große Vertreter seines Fachs ist – lustig ist es doch. Jedenfalls auf der Bühne.

Was aber haben all die Gedankenleser im Büro zu suchen? In jedem Unternehmen lässt sich so jemand finden. Der- oder diejenige, der oder die alles weiß, alles spürt, geheime Gedanken liest, einfach alles. Irgendwie liegt was in der Luft. Der Chef guckt seit einer Woche ziemlich ernst und schlechte Laune hat er auch. Macht gar keinen Witz mehr. Bestimmt hat er mir was Unangenehmes zu sagen. Frau Müller ist jetzt morgens immer eine halbe Stunde früher im Büro. Bestimmt ist das zusätzliche Projekt doch zu viel für sie. Seit gestern ist Tanja so ruhig. Bestimmt ist sie sauer, weil ich alleine zu Tisch bin ohne sie zu fragen. Und dann bin ich auch noch hektisch aufgebrochen, ohne Tschüss zu sagen. Jetzt redet sie nicht mehr mit mir, ist doch klar.

So ist es doch: Unsere Gedanken werden gelesen oder wir lesen die Gedanken der anderen. Immer und überall werden da die Fühler ausgestreckt nach bedeutungsschwangeren Blicken, Gesten, verborgenen Botschaften zwischen den Zeilen, geheimnisvollen Verhaltensänderungen. Das geht gar nicht! Andere sind eher Gelegenheitstäter. Gedanken werden natürlich dann besonders gern gelesen, wenn es um uns selbst geht. Das letzte Meeting lief nicht so ganz zu meinen Gunsten, das Feedbackgespräch ist nicht gut gelaufen, ich musste schon wieder das Protokoll führen… Dann interpretieren wir das Verhalten der anderen, ziehen unsere Schlüsse und wissen, wie der Hase läuft. Wir kennen nämlich das Gesicht hinter dem Gesicht.

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Wider die Hirngespinste

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