Die Chef-Beraterin
Was tun, wenn keine Ideen kommen?

Wer regelmäßig schreibt, ist stets auf frische Ideen angewiesen. So auch unsere Kolumnistin. Doch wo soll die Kreativität herkommen, wenn in der Welt einfach nichts Inspirierendes passiert?
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Der US-Autor John Irving ist gerade 75 geworden. Er boxt nicht mehr (das Boxen hat er vor langer Zeit aufgegeben, um stattdessen über das Boxen zu schreiben), steht aber jeden Morgen zeitig auf, um sich an den Schreibtisch zu setzen und zu schreiben. Das verlange ihm, so sagte er jüngst in einem Interview mit dem Bordmagazin der Lufthansa, keine Disziplin ab. Es sei ja ohnehin das, was er am liebsten macht. Er schreibt jeden Tag acht bis neun Stunden. Jeden Tag! Das Material für die Themen, über die er schreibt, reicht für mehr Bücher, als er in seinem Leben noch schreiben kann.

Wissen Sie, was passiert, wenn ich morgens aufstehe und mich an den Tisch setze, um acht bis neun Stunden zu schreiben? Nichts. Null. Nada. Ich würde nicht einen einzigen zusammenhängenden Satz aufs Blatt bringen. Aber dafür wäre mein Haushalt tipp-top. Die Wäsche wäre gewaschen und gebügelt, die Fenster glasklar, der Fußboden gesaugt, gewischt und wahrscheinlich hätte ich ein Drei-Gänge-Menü gekocht.

Dabei schreibe ich auch gern. Und ich habe Themen. Alle möglichen Themen. Nur liegt das Material nicht wohlsortiert um mich herum und wartet darauf, verarbeitet zu werden. Mein Material ist der tägliche Wahnsinn der Welt. Ich muss raus, ich brauche Input, ich brauche Verrückte und Besessene um mich herum, Langweiler und Spießer, notorische Nörgler und unverbesserliche Optimisten. Aber wo sind die um Himmels Willen? Sind die heute alle mit Grippewelle zu Hause geblieben? Haben sie nach dem Karneval ihren Rausch noch nicht ausgeschlafen? Denken sie immer noch über den komischen Kammerspiel-Tatort nach? Hilfe! Wo ist meine Inspiration?

Ich sage es, wie es ist. Ich habe heute keine Idee. Meine Kreativität ist futsch. Ich bin im Eimer. Ich überlege, ob mir überhaupt nochmal irgendwann irgendwas einfallen wird. Für Menschen wie mich, die von ihren Ideen leben, ja, die eine wöchentliche Kolumne abgeben und das so gern machen, für solche Leute ist es geradezu fatal, keine Ideen zu haben.

Dabei ist es doch so einfach. Man hält die Woche über die Ohren und Augen auf. Man schaut, was so passiert, irgendwas ist schließlich immer. Und dann ist man halt, so ganz nebenbei, eigentlich die ganze Woche am überlegen, über was man so schreiben könnte. Wenn es dann soweit ist, fängt man einfach an.

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Die Stufen der Eskalation

Kommentare zu " Die Chef-Beraterin: Was tun, wenn keine Ideen kommen?"

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  • Liebe Frau Wachtel, das Problem, dass es manchmal an Ideen mangelt, kenne ich als Texter und Lektor nur zu gut. Dann heißt es Inspirationen suchen ... diese finde ich meist in Büchern, insbesondere in Büchern, die mir als Manuskript eingereicht werden und die ich sozusagen lesen "muss". Oft sind es Bücher, die ich mir selbst vielleicht nie gekauft hätte. Gerade wenn ich mich mit vollkommen neuen Themengebieten beschäftigte, sprudelt sie plötzlich wieder ... die Inspiration.

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