Chefin der Londoner Börse hat sich in eine schlechte Position manövriert
Clara Furse: Hoch gepokert – tief gefallen

Wie schnell sich eine Verhandlungsposition verschlechtern kann. Noch am Sonntagmorgen sah sich Clara Furse, die Chefin der Londoner Börse, von zwei Seiten umworben. Aus Frankfurt schickte sich Deutsche-Börse-Chef Werner Seifert an, seinen beruflichen Lebenstraum einer Kombination mit der London Stock Exchange (LSE) zu verwirklichen. Aus Paris versuchte Jean-Francois Théodore, einen Zusammenschluss mit der von ihm geleiteten Vierländerbörse Euronext zu erreichen.

LONDON. Die Übernahme schien allein eine Frage des Preises zu werden, und Furse zierte sich geschickt: Die von Seifert anfangs gebotenen 5,30 Pfund, die Beobachter schon als sehr hohen Preis ansahen, lehnte sie noch als „nicht adäquat“ ab. Danach traf sie sich über Wochen mit beiden Kandidaten. Zuletzt öffnete sie ihnen sogar die Bücher. Allerdings legte sie sich nicht fest, sondern spekulierte auf einen höheren Preis.

Am Montag dann, keine 24 Stunden später, stand die LSE-Chefin vor einem Scherbenhaufen. Werner Seifert hatte sich unter dem Druck seiner Aktionäre aus dem Rennen verabschiedet, auch weil „das Board der London Stock Exchange keine Empfehlung für den Vorschlag ausgesprochen hat“. Der Kurs der LSE brach ein, und der verbliebene Aspirant Jean-Francois Théodore zierte sich nun seinerseits.

Nun liegt nicht nur ein Preis von 5,30 Pfund in weiter Ferne. Es ist nicht einmal klar, ob überhaupt ein Angebot für die LSE auf den Tisch kommt. Die erhoffte Konsolidierung der europäischen Börsen, seit Wochen in greifbarer Nähe, scheint sich wieder einmal um ein paar Jahre zu verzögern. Was für ein Schlamassel für die First Lady der Londoner Börse!

Hoch gepokert, tief gefallen. Aktionäre fühlen sich fatal an den Herbst 2001 erinnert, als Furse sich schon einmal bei einem wichtigen Deal verkalkulierte. Damals war sie noch die Umwerbende. Sie wähnte sich im Kampf um die Liffe wochenlang im Vorteil, auch weil sie ihren früheren Arbeitgeber und alle Beteiligten aus eigener Erfahrung kannte. Furse nahm die „natürliche Kombination“ der LSE mit der in London ansässigen Terminbörse als so selbstverständlich hin, dass sie gar nicht merkte, wie Euronext-Chef Théodore das Liffe-Management von seiner besseren Strategie überzeugte. Am Ende gewann der Franzose, obwohl er ein niedrigeres Angebot vorlegte.

Neben der Schmach für Furse gilt die erste wichtige Niederlage ihrer Amtszeit auch als Hauptgrund dafür, dass die LSE ihr langfristiges Heil nur in einer Übernahme suchen kann. Der LSE fehlt das Wachstumspotenzial. Furse hat keine Derivatebörse, und hier kommt für die Börsen wohl das Geschäft der Zukunft her. Zwar baute Furse nach dem Desaster um die Liffe mit Partnern die EDX London auf. Diese wird aber nie auf Augenhöhe mit den weltbesten Alternativen der Deutsche-Börse-Tochter Eurex oder der Liffe kommen.

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