Chefredakteur der New York Times
„King Calm Keller“

Höchstselbst mischt sich Bill Keller, der Chefredakteur der „New York Times“, in den Streit seines Blatts mit der Bundesregierung ein. Die Zeitung fürchtet um ihr Image.

NEW YORK. Es gab Zeiten, da hätte die „New York Times“ das Dementi einer ausländischen Regierung einfach ignoriert. „All the news that’s fit to print“ heißt es stolz auf der Titelseite der ehrwürdigen Zeitung, die sich selbst als Olymp des Journalismus betrachtet. Wer mit diesem Versprechen jeden Morgen seine Leser begrüßt, muss sich seiner Sache schon sehr sicher sein. Umso überraschender ist es, dass Chefredakteur Bill Keller persönlich zur Feder greift, um den Vorwurf der Bundesregierung in Berlin zurückzuweisen, sein Blatt liege mit einem Artikel über die Verwicklung des Bundesnachrichtendienstes (BND) in den Irak-Krieg falsch.

Der Bericht der Zeitung belege „eindeutig und ohne jeden Zweifel“, dass BND-Agenten dem US-Militär vor Ausbruch des Kriegs eine Skizze der Verteidigungspläne Saddam Husseins zukommen ließen, schreibt Keller in seiner Stellungnahme. Um die Authentizität der Quelle zu unterstreichen, zitiert er penibel aus einem geheimen Papier, in dem es von militärischen Abkürzungen wimmelt.

Dass Keller höchstselbst in den Fall eingreift, verrät mindestens ebenso viel über die Befindlichkeit der „New York Times“ wie über den Spionage-Krimi in Bagdad. Die „weltweit herrlichste Versammlung von Journalisten“ (Keller) ist empfindlich geworden, wenn die Wahrhaftigkeit ihrer Nachrichten bezweifelt wird. Grund dafür sind mehrere Skandale, die das Image und das Selbstbewusstsein des Edelblatts schwer erschüttert haben.

Ohne die Krise wäre der 57-jährige Kalifornier vermutlich niemals Chefredakteur der „New York Times“ geworden. Als Verleger Arthur Sulzberger jr. 2001 einen neuen Kopf für sein Blatt suchte, entschied er sich nicht für den ruhigen und bedächtigen Keller, sondern zunächst für den aggressiven Antreiber Howell Raines. Der erschien Sulzberger damals besser geeignet, um die selbstgefällig gewordene Redaktion aufzumischen. Raines stolperte jedoch schon nach zwei Jahren über den jungen Reporter Jayson Blair, den er kräftig gefördert, der aber jahrelang viele seiner Geschichten einfach erfunden hatte. Der Goldstandard des Journalismus bekam einen Kratzer, und die Zeitung stürzte in die tiefste Identitätskrise ihrer 155-jährigen Historie.

Die verunsicherte Redaktion rief nach einer ruhigen Hand. Der Verleger erinnerte sich an den altgedienten Keller und machte die in Ehren ergraute Edelfeder zu seinem neuen Chefredakteur. Bei seiner Antrittsrede forderte Keller seine vom Raines-Regiment ausgelaugte Mannschaft auf, auch mal an Familie und Kinder zu denken. Im Gegensatz zu Raines, der seine 1 200 Mitarbeiter täglich in einen Nachrichten-Blitzkrieg schickte, schlug Keller leisere Töne an: „Es gibt auch Geschichten, die Geduld und handwerkliches Können erfordern.“ Damit traf er genau den Nerv der Redaktion. Der „New York Observer“ sprach damals von „King Calm Keller“.

In seiner eigenen Karriere ist Keller mit seiner bedächtigen Art gut gefahren. Der an der renommierten Managerschule Wharton ausgebildete Journalist kam über mehrere Regionalblätter 1984 zur „New York Times“. Nach vier Jahren im Washingtoner Büro ging er als Korrespondent nach Moskau. Dort bekam er für seine Reportagen über den Verfall der Sowjetunion den Pulitzer-Preis, die höchste journalistische Auszeichnung in den USA. Es folgten drei Jahre als Korrespondent in Johannesburg, ehe Keller 1995 als Chef des Auslandsressort zurück in die Zentrale an der 43. Straße in Manhattan gerufen wurde. Der Aufstieg zum „Managing Editor“ brachte ihn in die Pole-Position für den Posten des Chefs.

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