Chief Diversity Officer
Jill Lee: Die Vielfaltsbeauftragte bei Siemens

Mehr Frauen, mehr Ausländer, mehr Ethnien: Seit 2008 kämpft Jill Lee bei Siemens als erster weiblicher Chief Diversity Officer der Unternehmensgeschichte gegen die Vorherrschaft der deutschen Männer - und für mehr Vielfalt in der Führungsriege. Die Managerin aus Singapur ist dabei selbst das beste Beispiel für die neue Marschrichtung des Konzerns.
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Mit der Frage, ob sie auch im Ausland arbeiten will, hatte sich Jill Lee nie groß befasst. Warum auch über etwas nachdenken oder diskutieren, bevor es akut ansteht? Als die Siemens-Managerin dann vor fünf Jahren genau diese Frage im jährlichen Evaluierungsbogen ihres Arbeitgebers vor sich hat und beantworten soll, fängt sie an zu grübeln. "Will ich international arbeiten?", fragt sie sich. Als Finanzchefin von Siemens in Singapur geht es ihr eigentlich sehr gut. Herausforderungen reizen sie aber ungemein. Sie fragt ihren Mann. Der findet, ein Auslandsaufenthalt könnte dem gemeinsamen Sohn gut tun, er selbst sei ohnehin flexibel und sie habe eine tolle Karriere. Lee kreuzt Ja an.

Dieses kleine Ja öffnet ihr die große Welt. Nur drei Monate später bietet ihr der Vorstand der chinesischen Siemens-Tochter den Posten als Finanzchefin in Peking an. Ein Karrieresprung für die junge Frau. Siemens China ist viel bedeutender und größer als Siemens Singapur. Lee greift zu und überschreitet nicht nur geografisch Grenzen. Sie ist die erste Asiatin auf diesem Posten und die einzige Frau im Vorstand. Ein Bild aus dieser Zeit zeigt sie inmitten der Vorstandsriege: Männer, Deutsche. Lee beißt sich durch, bewährt sich auch im Ausland. Auch in der Konzernzentrale in München ist ihr Name nicht mehr einer von vielen. Nach vier Jahren ist es so weit. Der neue Siemens-Chef Peter Löscher holt Lee nach München - auf die ganz große Bühne und für eine delikate Angelegenheit.

Die zierliche Asiatin soll eine Aufgabe übernehmen, die es in den mehr als 160 Jahren Siemens-Geschichte noch nie gegeben hat. Lee soll die globale Führungsriege umkrempeln, für frischen, internationalen Wind sorgen. Siemens werde von "weißen deutschen Männern" geführt, hatte Siemens-Vorstandschef Löscher moniert und Veränderungen gefordert. Der Konzern brauche mehr Vielfalt. Die Asiatin, die Englisch, Chinesisch und Malaiisch spricht, wird der erste Chief Diversity Officer. Als oberste Vielfaltsbeauftragte soll sie dafür sorgen, dass künftig die Besten bei Siemens das Sagen haben - egal aus welchem Land sie kommen, egal ob Mann oder Frau, egal welcher Ethnie sie angehören.

Lee ist selbst zwar das beste Beispiel für die neue Marschrichtung. Sie hat sich bei Siemens in Singapur hochgearbeitet, den Sprung über die Grenze ins oberste Management in China geschafft und letztlich auch den nach München in die Konzernzentrale. Mit ihrem Karriereweg wurde sie zur Vorzeigefrau der Zukunft eines Weltkonzerns. Ihre Berufung war dennoch eine Überraschung für einen Konzern, der in der Zeit zuvor vor allem durch die Schmiergeldaffäre Schlagzeilen gemacht hatte. Und es war ein Novum in der Konzerngeschichte, einen neuen Posten, so hoch angesiedelt zudem noch, mit einer Frau zu besetzen, einer Ausländerin dazu.

Für Lee ist das keine neue Erfahrung. Immer wieder war sie die Erste, die Einzige. Die einzige der drei Töchter im Elternhaus, die studierte. Die erste Finanzchefin für Siemens in Singapur, die erste Frau und Asiatin im Vorstand von Siemens in China, jetzt die erste globale Diversity-Chefin. Doch zu dieser Aufzählung fällt Lee ganz bescheiden nur eines ein: "nice". "Nett, in dem Sinne, dass ich immer neue Aufgaben, neue Herausforderungen gesucht habe", sagt Lee. Ihre Neugierde, ihr Ehrgeiz und ihre Rationalität haben Lee vorangetrieben. Die junge Frau, die immer zu lächeln scheint, ist jemand, dem schnell langweilig wird. Neue Aufgaben mussten nie an sie herangetragen werden, sie hat sie eingefordert, frei nach dem Motto: Ich bin fertig damit, was kann ich jetzt tun?

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