Deutsche Justiz
Lost in Translation

Zu wenig Richter, überarbeitete Staatsanwälte, überforderte Schöffen - die deutsche Justiz tut sich immer schwerer mit Wirtschaftsstrafprozessen wie VW, Sengera oder Falk. Und weil die Politik die Justiz lieber kritisiert als verstärkt, müssen auch ertappte Steuersünder keine allzu große Angst vor dem Zeugenstand haben. Eine Bestandsaufnahme.

HAMBURG. Es klingt wie ein Scherz, aber es ist keiner. Nicht ein Fünkchen Ironie verfängt sich in der Stimme von Brigitte Koppenhöfer. "Bevor wir mit der Zeugenvernehmung beginnen", lässt die durch den Mannesmann-Prozess bekanntgewordene Richterin die erstaunten Zuhörer im Saal wissen, "wollen wir erst einmal eine kleine Vokabelstunde einlegen." Dann bittet die Vorsitzende der 14. Großen Wirtschaftsstrafkammer am Landgericht Düsseldorf den Gerichtsdiener, den Projektor einzuschalten, und die anwesende Dolmetscherin, die dort aufleuchtenden Begriffe abzuarbeiten.

Koppenhöfer sagt nicht "Projektor". Sie sagt "Beamer".

Die anschließende Vorstellung wird trotzdem unfreiwillig komisch. Als die Übersetzerin sogar "Meeting" und "CEO" übersetzt, wird erstmals gegrinst im Raum. Als die Quellenangabe "Wikipedia" für den Begriff "Cash-Flow" auftaucht, lachen einige. Lost in Translation.

Es ist der vierte Verhandlungstag im Strafprozess gegen den früheren WestLB-Chef Jürgen Sengera, Mitte Januar. Morgen geht das Verfahren in die nächste Runde. Sengera muss sich seit Jahresbeginn wegen Untreue verantworten, weil er angeblich ohne ausreichende Risikoprüfung einen Milliardenkredit an den britischen Fernsehgeräte-Vermieter Boxclever vergab - der bald darauf pleiteging. Höhe des Schadens laut Anklage für die Bank: 427 Millionen Euro.

Allerhand Geld, allerhand komplizierte Bankgeschäfte, deshalb fallen auch allerhand englische Begriffe in Raum L 111. Und manchmal versteht selbst die Dolmetscherin nur Bahnhof. "Senior term loan?" "Was das genau heißt", sagt sie mehrfach mit hilflos kippender Stimme, "würden wir gern von den Bankern erklärt bekommen."

Dunkel ist die Bedeutung der Fachsprache. Und traurig ist ihre Konsequenz. Der vierte Verhandlungstag des Sengera-Verfahrens ist nicht nur eine Auseinandersetzung über Begriffe. Er ist zugleich ein Exempel für das, was Experten zunehmend Sorge bereitet: Richter und Staatsanwälte stehen Wirtschaftsstrafprozessen immer hilfloser gegenüber. Es mangelt an Personal, an Geld, an Fachwissen und einem modernen Rechtssystem.

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