Die Unbesiegbaren sind unsympathisch
„Erfolg ist politisch unkorrekt“

Es ist schon eine imponierende Leistung, die der Radrennfahrer Lance Armstrong hingelegt hat: Erst besiegte der Amerikaner den Krebs und raste nun zu seinem sechsten Tour de France-Sieg in Folge Doch auch vor Andreas Klöden sollten deutsche Fans und Sponsoren den Hut ziehen.

HB DÜSSELDORF. Schließlich radelte der bisher nur als Helfer für den deutschen Radstar Jan Ullrich bekannte Sportler in diesem Jahr unverhofft auf Platz drei der Tour.

Doch dass sich die Unterstützer in Deutschland von Ullrich ab- und sportlich erfolgreicheren Charakteren zuwenden, ist wenig wahrscheinlich. „Ich musste kommerziell denken; bei T-Mobile ist Jan Ullrich der Star“, sagt selbst Walter Godefroot, Chef des Telekom-Radrennstalls und bei Leibe kein Freund des launischen Superstars. Er weiß, dass Ullrich bei den deutschen Zuschauern als Identifikationsfigur deutlich besser ankommt.

Das unterscheidet Ullrich von Sportlern, die enorm erfolgreich, dafür aber unbeliebt sind. Alle paar Jahrzehnte beherrscht ein Einzelner eine Disziplin nach belieben und bricht souverän sämtliche Rekorde. Es sind Typen wie Lance Armstrong oder der Formel 1-Fahrer Michael Schumacher, die sich mit ihren Dauersiegen nicht nur Freunde machen. „Vollbringt jemand Höchstleistungen, muss er nicht nur bereit sein, sich zum Erfolg zu quälen, sondern zudem damit rechnen, gesellschaftlich auf Ablehnung zu stoßen“, beobachtet der Münchner Unternehmensberater Roland Berger.

Warum aber werden diejenigen, die Übermenschliches leisten und disziplinierter als alle anderen ihr Ziel verfolgen, nicht entsprechend überproportional bewundert? „Die Deutschen behandeln ihre Leistungsträger nicht gerade wohlwollend“, glaubt Roland Berger. Mehr noch: „Herauszuragen und dafür entsprechend mehr zu verdienen gilt hier zu Lande eher als politisch unkorrekt.“

Auch Fred Müller, Professor für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie an der Universität Landau, hat sich dazu Gedanken gemacht. Der Institutsleiter hat sich lange mit den Spitzen der deutschen Wirtschaft befasst und dabei Muster entdeckt, die sich auch auf die Wahrnehmung von Spitzensportlern übertragen lassen. „Elite bedeutet nicht nur, dass jemand fähig ist, etwas besonderes zu tun, sondern auch einen Vorbildcharakter entwickelt, dem man nacheifern will“, meint der Arbeitspsychologe. Und dieser Vorbildcharakter ist es, der den ungeliebten Gewinnern abgeht. Denn vielfach zeigen sie nicht die persönliche Größe, die eine Öffentlichkeit von ihren Champions verdankt. Ein Beispiel: Der belgische Radrennprofi Eddy Merckx wurde zu Beginn der 70-er Jahre von vielen Kommentatoren als Sportskanone anerkannt, aber auch als unmenschlicher Gierhals empfunden. Es heißt, dass er seinen Arbeitskollegen nicht einmal die erste Position beim Gang zum Büffet überließ.

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