Discounter
Lidls zweites Bauernopfer

Aufsichtsratschef Klaus Gehrig muss beim Discounter zum zweiten Mal wegen einer Datenaffäre durchgreifen. Dieses Mal erwischt es Deutschland-Chef Frank-Michael Mros.

STUTTGART. Lidl-Aufsichtsrats-Chef Klaus Gehrig bleibt sich treu. Wenn etwas schiefläuft, muss einer gehen, egal, ob es sich dabei um einen langjährigen Weggefährten handelt oder nicht. Als rechte Hand von Lidl-Eigentümer Dieter Schwarz kann der mitunter aufbrausende Manager nahezu schalten und walten, wie er will im Reich des zweitgrößten deutschen Lebensmitteldiscounters. Er neigt zum Bauernopfer und gibt sich selbst immer unschuldig. Von Missständen bei Lidl will er stets erst im Nachhinein erfahren haben.

Gestern war mal wieder einer dieser Tage in der schmucklosen Hauptverwaltung von Lidl in Neckarsulm. Kalt erwischte es diesmal wegen einer erneuten Datenschutz-Affäre ausgerechnet den Deutschland-Chef des Lebensmitteldiscounters, Frank-Michael Mros. Mit sofortiger Wirkung löst ihn Jürgen Kisseberth ab. Damit ziehe das Unternehmen die Konsequenzen aus den jüngsten Vorwürfen, teilte eine Sprecherin am Montag mit.

Der 59-jährige Kisseberth gilt in Branchenkreisen als Übergangslösung. "Kisseberth ist ein Mann, der bewiesen hat, dass er PR-Krisen für das Unternehmen meistern kann", sagt der Hochschulprofessor und Discountexperte Thomas Roeb. Kisseberth, der seit zwei Jahrzehnten bei Lidl beschäftigt ist und zuletzt in der Geschäftsleitung für Personal und Soziales verantwortlich war, hatte sich vor einem Jahr in der Talkshow von Anne Will öffentlich zur damaligen Spitzelaffäre geäußert. Kisseberth ist zwar ausgebildeter Kaufmann, was ihn als Deutschland-Chef des Discounters qualifiziert, für einen Neuanfang sei er aber schlicht zu alt, heißt es in Branchenkreisen.

Der Spitzelskandal hatte im vergangenen Jahr bereits Lidl-Konzernchef Wilfried Oskierski den Job gekostet. Einziger Unterschied: Gehrig reagiert diesmal schneller. Mros konnte gleich mit Erscheinen des Berichts im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" über den Missbrauch von Krankenakten gehen. Das Unternehmen soll die Krankheiten von Mitarbeitern systematisch in firmeninternen Unterlagen festgehalten haben. Ein Teil der Listen wurde in einem Mülleimer gefunden.

Lidl ist nur wenige Monate nach Bußgeldzahlungen in Millionenhöhe damit wegen der Bespitzelung von Mitarbeitern erneut ins Visier der Datenschützer geraten. "Will schwanger (werden). Befruchtung nicht funktioniert", steht nach den Recherchen des Nachrichtenmagazins in den Akten. Über eine andere Mitarbeiterin, die ebenfalls im Juni krank gemeldet war, findet sich als Grund nur "Psychologe" und unter anderem die Anmerkung "Kündigung zum 31.7.08".

Alle Einträge stammen dem Bericht zufolge aus der Zeit nach der Entdeckung von Spitzelmethoden durch Detektive im vergangenen Jahr. Damals hatte Gehrig eine beispiellose Canossa-Tour von Interviews mit der "Bild"-Zeitung bis zu TV-Shows unternommen und öffentlich Besserung gelobt. Sein meist unglückliches Auftreten vor laufenden Kameras konnte dem Aufsichtsratschef bislang nicht schaden. Der 60-jährige Gehrig hält bei der mächtigen Handelsgruppe Lidl & Schwarz weiter die Fäden in der Hand. Als Komplementär der Dachgesellschaft Schwarz Unternehmens-Treuhand trifft er nicht nur die strategischen Entscheidungen. Sollte Unternehmensgründer Dieter Schwarz etwas zustoßen, wird Gehrig auch persönlich haftender Gesellschafter.

Der Aufsichtsratschef der Konzerntochter Lidl, die im Unternehmen nahezu unabhängig vom Schwesterunternehmen Kaufland geführt wird, hatte nach einer kaufmännischen Lehre zunächst beim Discountpionier Aldi Süd in Mülheim angeheuert. Nach fünf Jahren wechselte er 1976 ins Reich des öffentlichkeitsscheuen Dieter Schwarz, der einen Chef für seine zwölf Lidl-Billigsupermärkte suchte. Daraus wurden allein in Deutschland bis heute 3 000 Läden. Europaweit ist die Zahl inzwischen doppelt so groß. Gehrigs Nachfolger sollte ursprünglich Deutschland-Chef Mros werden. Allerdings schaffte der 45-Jährige schon nach der Spitzelaffäre im vergangenen Jahr nicht den Sprung an die Spitze.

In der Branche galt die Führungsriege seit der Spitzelaffäre als zerstritten. Datenschützer mehrerer Bundesländer hatten wegen der Überwachung von Mitarbeitern und anderer Verstöße gegen das Datenschutzgesetz fast 1,5 Millionen Euro Bußgeld verhängt. Der Discounter hatte danach den Vorstand erweitert. Statt zuvor vier Manager sitzen in dem Gremium seither sechs Vorstände, bis auf Kisseberth alle um die 40 Jahre alt.

"Wir finden es positiv, dass Lidl personelle Konsequenzen aus der Affaire zieht", sagte Verdi-Sprecherin Cornelia Haß gestern Abend. Sie habe aufgrund jahrelanger Erfahrung aber wenig Hoffnung, dass sich dadurch im Unternehmen der notwendige Wandel vollziehe. "Lidl ist ein geschlossenes Imperium. Da dringt kaum etwas nach draußen, aber die Manager nehmen auch kaum Kritik von außen auf."

Nach Angaben von Verdi sind bislang bei der Discountkette deutschlandweit lediglich in sieben Filialen Betriebsräte installiert worden. Selbst die Drogeriemarktkette Schlecker, die sich lange gegen die Gewerkschaften wehrte, besitze mit 100 Betriebsräten deutlich mehr. "Bei Lidl herrscht ein Klima der Angst und des Misstrauens", sagte Haß.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%