dm-Chef Werner
Nachhilfeunterricht für Unternehmer

Götz Werner braucht kein Manuskript, um 400 Unternehmern aus dem Textileinzelhandel zu erklären, warum BWL nicht beim Kunden hilft und warum Karstadt so schlecht dasteht.
  • 0

BielefeldEs dauert ein bisschen, bis der Wunsch von Götz Werner nach mehr Licht im Publikum erfüllt wird. Er will sehen, zu wem er spricht, schließlich mag er den Dialog, der Gründer der Drogeriemarkt-Kette DM. Seit 2008 hat er die operative Führung am Unternehmen abgegeben, das im Geschäftsjahr 2013/14 mehr als 8,2 Milliarden Euro umsetzte, und mehr als 52.000 Menschen europaweit beschäftigt.

Er spricht zu rund 400 Unternehmern, die mittelständische Kaufhäuser führen, zur Cheftagung des Modedienstleisters Katag nach Bielefeld gekommen sind und gerade mitbekommen haben, dass Kaufhof an die kanadische Gruppe Hudson's Bay für 2,9 Milliarden Euro verkauft wurde. Was das für ihre Konkurrenzsituation bedeutet, wissen sie noch nicht.

Götz Werner aber erklärt ihnen gerade, das Gewinn kein Ziel, sondern eine Bedingung sei, so wie das Atmen für die Menschen. "Wir müssen einen Rhythmus herstellen zwischen einatmen und ausatmen." Er meint, Unternehmen müssen auch investieren, in Mitarbeiter und deren Umgebung. "Denken sie an Karstadt" hebt er an, "die sind seit 15 Jahren pleite und wissen es nicht". Karstadt habe einen Investitionsstau und immer nur auf die Kosten geschaut. " Gehen Sie doch mal in die Häuser rein, die Decken zu niedrig, die Lüftungsanlagen sind auf den Hund gekommen" sagt Werner. "Karstadt hat immer nur ausgeatmet." Es seien viele gekommen, die das Unternehmen ausgebeutet hätten.

Werner selbst sitzt seit rund 30 Jahren im Aufsichtsrat von Peek & Cloppenburg, versteht also die Sorgen der Branche, die mit der Mode gehen. Doch, ob sie ihn verstehen? Er will, dass Mitarbeiter nicht mehr als Kostenfaktoren gesehen werden, sondern als Unternehmer im Unternehmen. Er spricht lieber von Ergebnisgeneratoren. Das klingt zwar nach dem Gegenteil, von dem, was viele Controller fordern, aber Werner hat Erfolg mit seiner Strategie.

Nach einer Podiumsdiskussion sei einmal ein Zuhörer zu ihm gekommen und habe gesagt: Sie haben doch die besten Kassiererinnen. Warum ? habe er gefragt und dann habe der Mann erzählt, dass er am Abend vor eine Auslandsreise noch schnell Rasierklingen kaufen wollte, kurz vor Ladenschluss. Doch an der Kasse habe er bemerkt, dass er schon den Geldbeutel für die Auslandsreise in der Hosentasche trug und deshalb nicht mit der damals noch geltenden DM bezahlen konnte. Die Kassiererin habe zu ihm gesagt: "Dann kommen Sie nächste Woche zum Bezahlen, wenn Sie wieder im Land sind." Das habe Werner beeindruckt und er hat sich gefragt: "Was müssen wir machen, damit alle Kassiererinnen so souverän sind." Das schaffe man nicht mit einem Training, da müsse viel passieren in einem Unternehmen, damit man dieses Gefühl vermittelt, dass eine Kollegin als Unternehmerin agiert.

Die höchstpersönliche Beziehung sei es, die wichtig sei und kein Kundenbindungsmanagement aus Lehrbüchern. Und das bezieht sich, sagte Werner "auf die Menschen, bei denen wir die höchste Fluktuation haben, für die wir die knickerigsten Gehälter ausloben, und wo wir am sparsamsten sind mit dem Ausbildungsaufwand."

Die hätten den Kontakt zum Kunden und diese Kolleginnen und Kollegen seien kein Kostenfaktor, sie müssten es sich vielmehr leisten können bei ihm zu arbeiten und auch zu kaufen. Sie seien ebenso wichtig, wie die Käufer und die Lieferanten, die man nicht auspressen dürfe. Bei den Kollegen sprich Mitarbeitern könne man als Unternehmer üben mit Menschen umzugehen, es gehe um ihre Lebenszeit und eben auch um die der Kunden, wenn man ihnen etwas verkaufen will. Man müsse erst mal reflektieren, bevor man handle als Unternehmer, sagt Werner. Seine Kunden geben ihm Recht, die Mitarbeiterinnen, die früher bei Schlecker arbeiteten und heute bei ihm, hätten auch früher schon bei ihm gekauft, berichtet Werner. " kaufen Ihre Mitarbeiter auch bei Ihnen? Fragt Werner. Die Unternehmer reflektieren gerade noch, dann gibt es Applaus.

Kommentare zu " dm-Chef Werner: Nachhilfeunterricht für Unternehmer"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%