Ein Fünftel des Verlagsumsatzes erhoppelt der Hase mit dem karierten Halsband
Im Namen des Hasen

Kaum sind die ersten Worte gewechselt, ist an ein gezieltes Gespräch nicht mehr zu denken. Wolfgang Hölker hat die Tasche des Besuchers gesehen und ruft jeden herbei, der gerade keinen Telefonhörer in der Hand hat. „Altes Segeltuch ist das? Wo haben sie die her?“ Schnell wird der Hersteller notiert, im Gegenzug gibt’s einen Shopping-Tipp in Hamburg: „Bestellen sie viele Grüße aus Münster.“

MÜNSTER. Wer sich umschaut im Münsteraner Coppenrath-Verlag, kann sich vorstellen, dass sein Chef schon häufiger über ungewöhnliche Dinge in Verzückung geriet: Da hängt Kitsch neben Kunst, Antiquität neben Tinnef, Gobbelin neben Mao-Bild. Ein Sammler sei er nicht, betont Hölker, „Spurensucher“ gefällt ihm besser.

Und so bereist der 55-Jährige die Welt und sammelt Gegenstände und Erinnerungen. Ganz so, wie die Phantasiegestalt, die seinen Verlag zu einer Macht im Kinderbuchgeschäft machte: Felix. Vor zehn Jahren erschien die erste Geschichte des Stoffhasen, der seiner Besitzerin ausreißt und ihr Briefe aus fernen Ländern schreibt. Diese sind in kleinen Briefumschlägen in das Buch geklebt.

Ein internationaler Erfolg: In 20 Sprachen ist Felix übersetzt, die Auflage aller Bücher liegt bei fünf Millionen Stück. Ein „Marketing-Naturtalent“ nennt Hölker der Mit-Münsteraner Heribert Meffert, ehemaliger Marketing-Professor und Chef der Bertelsmann-Stiftung.

Ein Fünftel des Verlagsumsatzes von 48 Millionen Euro erhoppelt der Hase mit dem karierten Halsband, ein riesiges Fanartikelsortiment mit eingerechnet. Profitabel sei Coppenrath, wie profitabel mag der Chef nicht verraten. Lieber betont er: „Wir wollen nicht der Felix-Verlag sein.“ Es gebe schließlich andere Figuren wie Prinzessin Lillifee, der Hölker einen noch größeren Erfolg voraussagt. Und natürlich Kochbücher unter dem Dach des Hölker Verlags.

Doch es ist Felix, der Coppenrath ins Rampenlicht rückt, auch weil dessen Entstehung typisch ist für den Verlag, der so wenig den Branchengesetzen gehorcht wie sein Chef. Schöpferin von Felix ist Annette Langen, „die beste Azubi, die wir je hatten“, sagt Hölker: „Wir ziehen uns unsere Leute eben selbst heran.“ Und so gehören zum Team Theologen wie Historiker und BWLer. Der Einzige, der nicht studiert hat, sitzt im Chefsessel: „Ich bin in meinen Beruf reingestolpert.“

Zwar absolviert Hölker als Teenager eine Ausbildung zum Verlagskaufmann, doch dann zieht es ihn zu einer Werbeagentur („Da hab’ ich alles gemacht“). Mit 19 eröffnet er mit einem Freund eine Galerie, übernimmt 1971 eine Buchhandlung.

Ein Jahr später will kein Großverlag das von ihm erdachte „Kochbuch aus dem Münsterland“, also gründet Hölker einen Verlag und bringt es selbst heraus – die Auflage ist heute sechsstellig. Die Übernahme des angeschlagenen Hauses Coppenrath, das seine Blüte im 19. Jahrhundert hatte, macht ihn 1978 endgültig zum Verleger.

Wer diese Vita in ein paar Sätzen erzählt haben möchte, hat keine Chance: „Von Höcksken auf Stöcksken“ nennt man in Münster die Art, wie der schlacksige Mittfünfziger mit den ungezähmten Locken erzählt. Wie die sanften Hügel hinter Havixbeck wogt sein westfälischer Dialekt dahin, das K wird zum CH geschliffen, dem S die Schärfe genommen, auf dass nichts Unharmonisches die Idylle störe.

Und wenn er erzählt, dann erzählt er. Und erzählt. Und erzählt. Vom Vater, dessen Schreinerei Pleite ging, als Hölker zwölf war, „bis heute treibt mich Existenzangst an“. Von Reisen: „Nach China reise ich immer mit Rucksack. Ich weiß, wie es ist, für tausend Dollar die Nacht zu pennen und wie für zwei Dollar.“ Oder dass er Erwachsene hasst, „die neugierige Kinder nicht ernst nehmen“. So wie den jungen Wolfgang Hölker, der als Kind Verbesserungsvorschläge an Mercedes schrieb, nie eine Antwort erhielt und deshalb immer noch sauer ist.

Neugier treibt ihn auch heute an, Neugier auf Dinge und auf Menschen. Gerade erst war er bei einem Frottee-Produzenten in der Türkei, hat gesehen wie Tausende Fäden zusammenlaufen zu einem Handtuch, dass nur zwei Euro kostet: „Meine Waschlappen betrachte ich jetzt mit anderen Augen.“

So bunt wie Hölkers Leben ist auch die Coppenrath-Zentrale im hippen Kanalhafenviertel Münsters: Einen alten Speicher hat er umbauen lassen. Im vierten Stock residiert er selbst, auf einer ganzen Etage ohne Wände, aber mit Kamin.

Abheben könnte man hier – wäre aber nicht typisch Hölker. Als Antreiber beschreibt ihn ein Mitarbeiter, als Motivator und Förderer derjenigen, die sich reinhängen. Der selbst nur Economy fliegt, wie alle anderen Mitarbeiter auch: Damit mehr Leute reisen können zu den wichtigen Märkten in Asien. Der aber auch immer der Chef ist und das letzte Wort haben möchte.

Er selbst sieht sich erdig: „Wir sind hier sehr down to earth. Ich hab’ mit der Kreditlinie der Stadtsparkasse Münster angefangen und das ist immer noch meine Bank. Die haben immer geguckt, was ich mit dem Moos mache“, sagt Hölker: „Wir haben Bodenhaftung – und träumen doch in den Wolken.“

Zum Abschied noch ein letzter Blick auf die Tasche aus Segeltuch: „Wissen Sie, ich sehe richtig die Jolle und ihre Geschichte. Das ist wie ein Märchen.“ Und dann sieht er genauso begeistert aus, wie ein Kind, das einen Stoffhasen mit Karo-Halsband in den Arm gedrückt bekommt.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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