Enron-Prozess
Der geläuterte Schurke

Der ehemalige Finanzchef des insolventen Energiehändlers Enron hat lange darauf gewartet, auszupacken. Anfang der Woche erschien Andrew Fastow nun bei Gericht und belastete seine ehemaligen Chefs Ken Lay und Jeff Skilling schwer. Doch die schossen zurück.

HOUSTON. Andrew Fastow hat es eilig. Mit forschen Schritten betritt der ehemalige Finanzchef des insolventen Energiehändlers Enron das Gerichtsgebäude, flankiert von seinen beiden Anwälten. Auf diesen Tag hat Fastow lange gewartet – darauf, dass er endlich sein Schweigen brechen und erzählen kann, was wirklich hinter geschlossen Türen in der Enron-Chefetage diskutiert wurde, damals, als der Energiehändler noch eins der größten US-Unternehmen und die Aktie extrem begehrt war.

Fastow, zu Enron-Zeiten berüchtigt für sein aufbrausendes Temperament und ätzende Kommentare, ist inzwischen deutlich ruhiger geworden, fast resigniert wirkt er bei seinem Auftritt vor Gericht Anfang der Woche. Selbst seine Haare sind seit dem Zusammenbruch des Unternehmens komplett ergraut. Der Zuschauersaal ist zum ersten Mal seit Wochen wieder voll besetzt: Fastow gilt sowohl für die Verteidigung als auch für die Anklage als der wahrscheinlich wichtigste Zeuge. Mit klarer, fester Stimme beantwortet er die Fragen des Staatsanwalts und verliert nur einmal kurz die Beherrschung: Als die Rede auf seine Familie kommt, die unter dem Enron-Bilanzskandal gelitten hat, kann der 44-Jährige die Tränen kaum zurückhalten.

Deutliche Worte findet Fastow für die Machenschaften seiner ehemaligen Chefs Ken Lay und Jeff Skilling: „Sie wussten, dass wir Einnahmen künstlich aufgeblasen haben.“ Sie hätten auch gewusst, dass dubiose Tochterfirmen gegründet worden seien, um Schulden zu verstecken.

Das bestreiten Lays und Skillings Verteidiger vehement. Seit dem ersten Prozesstag haben sie alles daran gesetzt, Fastow als alleinigen Drahtzieher hinter sämtlichen illegalen Machenschaften darzustellen. Dabei hatte Skilling selbst den jungen Betriebswirt 1990 bei Enron unter Vertrag und seine Fittiche genommen, nachdem der bei einer Bank mit innovativen Finanzkonstrukten für Furore gesorgt hatte. Fastow verkörpere alles, was bei Enron falsch gelaufen sei, sagt der Prozessbeobachter und Strafverteidiger Robert Mintz.

Der ehemalige Finanzvorstand profitierte ordentlich davon: Geschätzte 30 Millionen Dollar soll er durch die von ihm inszenierten Betrügereien kassiert haben. „Und wenn man von der Firma stiehlt, erzählt man das nicht dem Boss“, sagte Lays Verteidiger Michael Ramsey.

Wenn er sich mit dieser Sicht durchsetzt, wären Lay und Skilling den Schwarzen Peter los, und Fastow hätte nicht viel verloren. Denn er hat sich schon vor zwei Jahren für schuldig erklärt, Bilanzen manipuliert und in die eigene Tasche gewirtschaftet zu haben. Im Gegenzug hat er mit der Staatsanwaltschaft eine Gefängnisstrafe von zehn Jahren ausgehandelt – anzutreten nach Ende der Enron-Ermittlungen.

Die Schurkenrolle wird Fastow aber wohl nicht mehr los, auch wenn er in der Zwischenzeit geläutert erscheint. In letzter Zeit findet man den zweifachen Vater vornehmlich in Einkaufszentren, bei Buchlesungen und Baseballspielen seiner Söhne. Was genau ihn im Gefängnis erwartet, kann er sich schon mal von seiner Frau Lea schildern lassen: Sie arbeitete ebenfalls bei Enron und musste nach dem Zusammenbruch des Konzerns für ein Jahr wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis.

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