Entkräfteter Mythos
Der Globalmanager ist ein Phantom

Der Glaube, es gebe eine neue globale Kaste mobiler Führungskräfte, ist weit verbreitet. Doch der soziologischen Empirie hält er nicht stand. Hochqualifizierte gehen zwar häufiger ins Ausland, doch kehren fast alle zurück. Dennoch wird das Bild des unbegrenzt mobilen Top-Manager gepflegt. Realität und Mythos der deutschen Management-Elite.
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DÜSSELDORF. Eines der beliebtesten Argumente in wirtschaftspolitischen Talkshowrunden lautet: Wenn wir hierzulande keine vernünftigen Bedingungen schaffen, wandern "die besten Köpfe" ins Ausland ab. Dem Argument liegt die Annahme der Existenz einer neuen übernationalen Elite von Wirtschaftsführern zugrunde, von Managern also, die ebenso regional und kulturell ungebunden sind wie das weltweit fließende Kapital. Tatsächlich dürfte dieser neue Menschentypus vielmehr eine Idealvorstellung von Ökonomen und Managern als eine soziale Realität sein, wie neueste soziologische Untersuchungen zeigen.

Vor allem amerikanische Managementforscher (zum Beispiel Rosabeth Moss Kanter) haben diese "Weltklasse" von Globalmanagern, deren nationale Identitäten zu einer "Weltkultur des Managements" verschmolzen sind, in vielen Büchern beschrieben und gepriesen.

Der neue Globalmanager passt als Typus, diesen Autoren zufolge, zu den modernen transnationalen Unternehmen, weil er eine globale, interkulturelle Haltung verinnerlicht hat. Managerkarrieren seien daher künftig, so schrieben beispielsweise Michael Arthur und Denise Rousseau 1996, "boundaryless". Erfahrungen in verschiedenen Ländern seien unabdingbare Bestandteile einer solchen Karriere. Nationale Identitäten und Bindungen an das eigene Unternehmen seien für Manager immer weniger bedeutsam.

Karrieresysteme bleiben national

Einige deutsche Soziologen haben diese These nun unabhängig voneinander durch empirische Untersuchungen weitgehend entkräftet, die in der "Österreichischen Zeitschrift für Soziologie" und der "Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie" veröffentlicht sind. Markus Pohlmann und Stefan Bär von der Universität Heidelberg können zeigen, dass zwar die Zahl der - zeitlich begrenzten - Auslandseinsätze hochqualifizierter Arbeitnehmer zunimmt, aber sich daraus keine Änderungen in den weiterhin national geprägten Karrieresystemen ergeben.

Auslandsaufenthalte, so belegen die von den Forschern geführten Interviews, werden zwar wichtig genommen, aber nur als Teil einer in Deutschland absolvierten Karriere. Pohlmann und Bär bestätigen also nur eine schwächere Globalisierungsthese. Die Bedingungen für den Aufstieg werden von der Globalisierung nicht berührt.

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