Er hat Nissan saniert
Le Cost-Killer

Wenn Thierry Moulonguet die Zweifler überzeugen will, zeigt er ihnen seinen kleinen Laptop. Das Gerät mit der eingebauten Kamera steht in seinem lichtdurchfluteten Pariser Büro. „Mehrmals pro Woche bespreche ich mich mit meinen Kollegen in Tokio. Dazu brauche ich mich nicht einmal von meinem Platz zu bewegen, das machen wir per Video“, sagt der grau melierte Finanzvorstand von Renault und blinzelt fröhlich durch seine Brille. „Ich sehe kein Risiko darin, dass Carlos Ghosn Chef von Nissan bleibt und gleichzeitig bei Renault die Führung übernimmt.“

HB PARIS/TOKIO. Dennoch: Wenn Nissan-Lenker Carlos Ghosn, 51, am 29. April auch noch den Chefsessel bei Renault einnimmt, stellt dies ein weltweit einmaliges Experiment dar: Zwei Autokonzerne in Personalunion zu führen, deren Firmensitze 10 000 Kilometer voneinander entfernt sind, das hat vor Ghosn noch niemand gewagt. Denn auch wenn Renault 44 Prozent an Nissan besitzt, Nissan wiederum 15 Prozent an Renault, arbeiten die beiden Managements voneinander absolut unabhängig. Der in der Branche hoch angesehene Renault-Chef Louis Schweitzer hatte sich vor Jahren bewusst gegen eine Verschmelzung und für eine Allianz unter Gleichen entschieden. Eine Allianz, die nach Schweitzers Wechsel in den Aufsichtsrat nun einen einzigen Lenker bekommt: Carlos Ghosn.

Sein Lebenslauf passt zu seiner neuen Aufgaben. Wenn auf jemanden der Begriff Kosmopolit zutrifft, dann auf den gebürtigen Brasilianer, dessen Eltern aus dem Libanon stammen und der in Frankreich aufgewachsen ist. Ghosn hat große, dunkle Augen, die unter buschigen Brauen liegen. Sie verleihen dem runden Gesicht mit den schmalen Lippen etwas Markantes, Stechendes.

Ghosn ist ein quirliger Mann, die Worte sprudeln nur so aus seinem Mund. Den Rekord im Schnellreden, Ghosn könnte ihn wohl mit Leichtigkeit brechen. Sein Englisch, an dem er als Student auf Elitehochschulen in Frankreich schon feilte, hat immer noch diesen weichen französischen Akzent. Auf Japanisch spricht er nicht frei, liest nur vorbereitete Reden ab. Dabei gestikuliert er viel, manch einer würde vielleicht sogar sagen wild. Links nach oben, rechts zur Seite, dann beide Hände in die Höhe, so dass er ein wenig wie ein Prediger wirkt. Auf offiziellen Fotos hat er indes die Hände oft vor dem Körper verschränkt, so als würden sie schnell wieder durch die Lüfte schneiden, wenn er sie losließe. Er selbst sagt: „Dank meiner künftigen Doppelfunktion können wir uns eine Holding sparen.“

Ghosn kann oder will bei Nissan nicht loslassen und wird seinen Privatjet noch öfter besteigen. „Für einen normalen Menschen wäre das alles zu viel, aber Ghosn ist nicht normal“, meint Autoanalyst Kunihiko Shiohara von Goldman Sachs, der Ghosn seit dessen Einstieg bei Nissan 1999 genau verfolgt hat. Zuvor amtierte Ghosn als Vize schon einmal an entscheidender Stelle bei Renault.

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