Erfolg in den USA
Deutsches Amerika

Ein ehemaliger „Time“-Korrespondent ist auf die Suche gegangen, was deutsche Firmen in den USA erfolgreich macht. Und hat überraschende Einsichten mitgebracht.
  • 19

ChattanoogaIch stehe auf einer ehemaligen Kuhweide und betrachte eine Erscheinung aus dem Raumfahrtzeitalter in der Wildnis von Tennessee. Wie deplatzierte Raketensilos erheben sich vor mir fünf riesige, über 60 Meter hohe Destillationstürme. Diese überraschenden Sprosse in einer einstigen amerikanischen Farmergemeinde sind aber nicht zur Herstellung von Spirituosen, sondern von reinstem Qualitäts-Polysilikon gedacht, dem Ausgangsmaterial für Solarwafer.

Zwei Milliarden Dollar hat Wacker Polysilicon North America hier investiert, um unter anderem diese Türme zu bauen. So will das Unternehmen seinen Anteil am Boom der Solarenergie in den USA - die Branche wächst derzeit um zehn Prozent jährlich - ausbauen. Es ist die größte Einzelinvestition in der Geschichte von Wacker Chemie.

Ich bin gekommen, um nach der Zukunft deutscher Investitionen in den Vereinigten Staaten zu suchen, und hier habe ich einen Teil davon gefunden. Wacker Polysilicons Präsenz im ländlichen Tennessee sagt viel über die deutsche Expansion in die US-Wirtschaft: eine aggressive Welle, die mit dem Globalisierungstrend in den 1990ern begann und nun langsam die amerikanische Sicht von moderner Fertigung und Ausbildungsprogrammen beeinflusst.

„Die Geschichte fängt gerade erst an“, sagt Konrad Bachhuber, Wackers stellvertretender Geschäftsführer in Nordamerika. "Diese Branche kommt in den Vereinigten Staaten gerade in Schwung. Unser Ziel ist es, eine starke Position zu halten, indem wir unsere Produktion steigern. Tennessee ist für uns ein Meilenstein."

Bachhuber ist ein Chemieingenieur, hat einen Doktortitel der Universität Regensburg und arbeitet nun in einem Plantagenhaus aus dem Jahr 1856. Roter Ziegelstein, Kamin - eine Szene wie aus dem Historienfilm "Vom Winde verweht". Er ist eine neue Art von Südstaaten-Gentleman, der eine andere Form von Arbeit in diese einst wirtschaftlich notleidende, ländliche Ecke des Alten Südens bringt.

Diese Entwicklung erstaunt einen aus der Region wie mich. Die Gegend um die Stadt Chattanooga, wo Wacker eine in das örtliche kommunale College integrierte Ausbildungseinrichtung besitzt, ist traditionell für alles bekannt - nur nicht für High Tech. Während meiner Kindheit im nahen Georgia und in North Carolina hatte Chattanooga als Schauplatz von Schlachten im Bürgerkrieg und als wichtiger Eisenbahnknotenpunkt einen Namen. Es war eine sterbende Stadt der Schwerindustrie, die einst als dreckigste Amerikas galt. Heute wandelt sie sich in den neuesten Siedlungspunkt des deutschen Wirtschaftslebens.

Oben auf dem Lookout Mountain, dem idealen militärischen Aussichtspunkt, der eine enge Biegung des Tennessee River überragt, stehe ich neben den alten Kanonen aus dem Bürgerkrieg und sehe Chattanoogas ganze Geschichte unten ausgebreitet. Aber nur wenige Meilen die Interstate-Autobahn 75 hinauf finde ich die Zukunft.

Kommentare zu " Erfolg in den USA: Deutsches Amerika"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Das Problem ist vielschichtiger. Es gibt bekanntlich den "talent review" und es gibt "on hire vacancies". Den "Match" zwischen diesen beiden Polaritaeten hinzukriegen, das ist es, worum es u.a. geht. Das "Heranzuechten" ist der eine Baustein, das "Integrieren in die Arbeitswelt" ein anderer. Ganze Heerscharen von talent scouts, recruitern, working psychologists, coaches und trainern sind damit beschaeftigt, Firmen zukunftsweisend mit human capital auszuruesten, damit diese Firmen sich innerhalb ihres Kulturkeises und darueberhinaus weiterentwickeln koennen.

  • Sorry, ihr Artikel stimmt nur bedingt. In den USA gilt sicherlich auf Management-Ebene das Arbeits-Prinzip "push push" und "more quick fixes, guys". Dafuer wird jedoch auch genauestens monitored, wie Ziele erreicht werden. Und jeder weiss von vornherein, worauf er sich einlaesst. In den meisten Faellen zumindest. Zielvereinbarungen sind ein unbestritten fester Bestandteil eines Mitarbeitergespraeches hier. Vielleicht nicht in allen Unternehmen, in den multinationalen Konzernen jedoch allemal. Code of Compliance , Code of Conduct, nur um mal einige Punkte zu benennen. Das nun ausgerechnet in Deutschland in den Firmen mehr Freiheit herrscht, das ist mir allerdings neu. In vielen Unternehmen herrscht immer noch so etwas wie ein Fuehrungs-Prinzip des widerspruchslosen Gehorsams. Zitat: "Da muessen Sie meinen Chef fragen, ich kann Ihnen da nicht weiterhelfen". Obwohl der Mitarbeiter ueber das geeignete Fachwissen verfuegt, der Chef jedoch ganz klar sagt, wo es langzugehen hat. Klappe halten, setzen, eins ! Ich habe in den USA hingegen eine Fuehrungskultur kennen und schaetzen gelernt, die auf "Hands On !" und "Do it" Vereinbarungen beruht. Und es gibt hier, genauso wie auch in Deutschland, die Schattenseiten im Job-Leben. Was die USA-Working-Together-Mentalitaet jedoch ganz klar auszeichnet, ist das Ich-respektiere-meine-Kollegen. Mobbing ist hier ein Fremdwort. Missstimigkeiten werden direkt ausgetragen, auch lautstark wenn es sein muss. Und es wird auch hinter dem Ruecken geschwaetzt, im Sinne von socialising. Abends sich zum BBQ treffen, kein Problem. Uebrigens, auch mit dem Chef und zwar als ein Teil des Ganzen und nicht als ein ueberheblicher Grossprotz, der dann selbst in seiner privaten Freizeit immer noch einen "draufzulegen"weiss, damit die Ansage ganz klar verstanden ist, WER HIER der Platzhirsch im Revier ist. Denn wer Chef ist, ist Chef und bleibt Chef, mit oder ohne Krawatte. Anstatt einfach selbst mal die Klappe zu halten.

  • In der Tat, "talent retention" ist für deutsche Firmen mit hohem Fachkräftebedarf ein Problem - vor allem, wenn sie sich die Mitarbeiter vorher erst selbst teuer herzüchten müssen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%