Ewald Nowotny
Österreichs Nationalbankchef: Feuerwehrmann für Finanzen

Solch einen bewegten Auftakt hat sich Ewald Nowotny bestimmt nicht vorgestellt, als er vor einem Jahr für den Chefposten der Österreichischen Nationalbank nominiert wurde: Kreditkrise in den USA, weltweit brechen die Banken zusammen, und auch in der Heimat herrscht ordentliche Unruhe. Wie der neue österreichischen Nationalbankchef die Wogen in Wien wieder glätten will.

WIEN. Weil die Große Koalition in Wien schon nach 18 Monaten am Ende war, müssen die Österreicher am kommenden Sonntag ein neues Parlament wählen. Und alle Parteien versprechen finanzielle Wahlgeschenke. Das ist schlecht für die Inflation, und das kann der oberste Währungshüter Nowotny nicht zulassen. Und so wird der eigentlich so ruhig und besonnen auftretende Banker seit seinem Amtsantritt am ersten September immer wieder zum Feuerwehrmann für die Staatsfinanzen.

Nichts ahnend, saß er zu Hause im feinen Wiener Stadtteil Hietzing, als Mitte September die amerikanische Bankenwelt mit der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers zusammenbrach. „Das habe ich nicht erwartet, dass eine Bank wie Lehman Brothers innerhalb eines Wochenendes implodiert“, sagt der Mann, der selbst schon eine Bank gerettet hat. Vor zwei Jahren war das, damals sanierte er die angeschlagene Gewerkschaftsbank Bawag. Doch das war kein Vergleich zur derzeitigen Krise, deren Ausmaß auch ihn überrascht hat.

Sorgen für zu Hause macht ihm das aber nicht. Auch wenn die Wiener Börse im Moment vergleichsweise schlecht dasteht und der österreichische Börsenindex ATX sich in den vergangenen Wochen deutlich schlechter als der Dax entwickelt hat. Alles eine kurzfristige Entwicklung und keineswegs ein Indikator für die derzeitige wirtschaftliche Situation, sagt der neue Notenbank-Chef: „US-Fonds haben stärker an der Wiener Börse verkauft, weil sie Geld brauchten. Das wird sich auch wieder umkehren“, davon ist er überzeugt. Natürlich sei auch Österreich von der Abschwächung des Wachstums betroffen, aber nicht so stark, denn die Verbindungen zu Ost- und Zentraleuropa wirkten sich positiv aus.

Der 64-Jährige spricht, wie man sich einen Notenbanker vorstellt: behutsam, bedächtig, wählt in Ruhe seine Worte, ein Warner und Mahner eben. Und genau so sieht er seine Rolle in der Alpenrepublik – als Stimme der Vernunft. Aber die hat es manchmal schwer: Der Wahlkampf hat das Land aufgewühlt. Die Parteien machen ein teures Versprechen nach dem anderen, und das belastet den Staatshaushalt der Zukunft. Also versucht Nowotny, Politiker und Sozialpartner an einen Tisch zu bringen, nach den Wahlen, wenn die emotionalen Wogen geglättet sind.

Eine Lohn-Preis-Spirale kann er nicht gebrauchen, auch wenn die Energie- und Rohstoffkosten zuletzt stark gestiegen sind. Er weiß, dass er dabei nur Vermittler sein kann, „aber in einem kleinen Land wie Österreich gibt es unter allen Beteiligten sicherlich mehr Spielraum als andernorts“, erläutert der 64-Jährige, dem die Winkelzüge der Politik nicht fremd sind. Nowotny hat enge Beziehungen zur Politik und war selbst einige Jahre Parlamentsabgeordneter für die sozialdemokratische SPÖ. Dass er den Chefposten in der Notenbank bekommen hat, ist letztlich auch auf starkes parteipolitisches Proporzdenken zurückzuführen.

Aber das birgt auch Gefahren: Denn als Notenbanker muss er parteipolitisch neutral sein. Eine Herausforderung, aber kein Problem, glauben Wiener Ökonomen, die ihn kennen, teilweise noch aus seiner Zeit als Universitätsprofessor in Linz. Seine SPÖ-Vergangenheit werde er schon abschütteln, schließlich habe er seine Jobs bisher immer gut gemacht.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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