Ex-Freudenberg-Vorstand Rudolf Scharpff will vorne dabei sein in der Kunst - aber nicht um jeden Preis
Der Controller und die Bilder

STUTTGART. Ein weißer Hund und der Sammler Rudolf Scharpff begrüßen den Besucher in der Stadtwohnung am Nordhang über Stuttgart. Scharpff ist 75 Jahre alt, langbeinig, schlank und in einen dunklen Anzug gekleidet. Der Hund hat kurze Beine, sitzt auf einem großen, ovalen Tisch und ist zugleich eine Porzellanvase. Jeff Koons hat ihn gemacht, der in den 80er- und 90er-Jahren heftig umstrittene Jung-Star der US-Kunstszene. Ein Spezialist für ironisch zugespitzten Erotikkitsch und all jene ästhetischen Auswüchse, für die sich das amerikanische Herz erwärmen kann.

Ehefrau Ute hat ihren Bridge-Nachmittag. Der Gast wird ins Wohnzimmer gebeten und weiß nicht, wohin er zuerst schauen soll. Aus dem Panoramafenster, das einen atemberaubenden Blick über die Stadt freigibt – oder auf die furiosen Kostproben zeitgenössischer Malerei, die sich konkurrenzlos auf freien Wänden behaupten?

Über dem Sofa hängt Scharpffs jüngste Erwerbung: ein mittleres Format des 32-jährigen Berliner Malers André Butzer. Rabenschwarz das Ganze, mit klumpigen Erhebungen aus glänzender Farbe, die wie Materiebrocken um ein durchfurchtes Zentrum kreisen. „Das ist ein Wahnsinnsbild“, bemerkt Scharpff und kann so recht auch nicht erklären, was ihn genau zum Erwerb animierte. „Es lässt mich nicht in Ruhe“, wirft er in die Stille. „Es ärgert mich. Ich kann das nicht so einordnen.“

Kein Video und keine Fotokunst konnten ihn und seine Frau je so fesseln wie die Plastik und vor allem die Malerei mit all ihren handwerklichen, sensorischen Anmutungen. Eine Leidenschaft, die schon das erste große Sammelgebiet in den 70er-Jahren beflügelte.

Damals entdeckte das Ehepaar Scharpff die „Neuen Realisten“. Eine kleine, noch wenig beachtete Künstlergruppe in Frankreich, deren aufregendste Zeit in die erste Hälfte der 60er-Jahre fiel. Die Scharpffs erwarben bizarre Maschinen von Jean Tinguely, Daniel Spoerris „Fallenbilder“, Tischplatten mit den fixierten Überresten fröhlicher Tafelrunden; sie begeisterten sich für die monochrom-blauen Bilder von Yves Klein und die aus beschädigten Plakatschichten komponierten Tableaus der französischen „Plakatabreißer“.

Inzwischen ist diese Kollektion an die Mannheimer Kunsthalle verkauft, und die Scharpffs sind näher dran an den Zeitgenossen. In den 90ern entdeckten sie die amerikanische Kunst, erwarben sie auch in durchaus sperrigen, skulpturalen Formaten, etwa von Koons, Mike Kelley und Cady Noland und gaben sie als Dauerleihgabe in die Hamburger Kunsthalle.

Danach rückte die zeitgenössische Malerei in Deutschland und England ins Blickfeld der Sammler. „Mich interessiert, was ganz vorne passiert“, sagt Scharpff. „Wer prägt unsere Generation? Was soll einmal davon übrig bleiben und Zeugnis ablegen?“

Das sind Fragen, die sich das Ehepaar als Privatsammler stellt, weil es die öffentliche Hand nicht mehr kann. „Das Museum kann seine Hauptaufgabe, eine Sammlung auf der Höhe der Zeit zu halten, heute gar nicht mehr erfüllen“, bedauert Christian von Holst, Direktor der Stuttgarter Staatsgalerie, und ebenfalls in der glücklichen Lage, Dauerleihgaben aus der Sammlung Scharpff zeigen zu dürfen: „Aber Rudolf Scharpff gehört zu den wenigen engagierten Sammlern, die in weitgehend selbstloser Weise Werke zur Verfügung stellen, um eine Sammlung zu profilieren.“ Scharpff selbst formuliert schonungsloser: „Der Staat muss endlich verstehen, dass die Museen ein bestimmtes Maß an Geld brauchen“, um ihre Sammlungen zu pflegen und wissenschaftlich aufarbeiten zu können – „es geht nicht um Unterhaltung“.

Natürlich ist das kurzfristig nicht publikumswirksam, räumt der Sammler ein und erinnert an den ersten Bilderwerb des Stuttgarter Galerievereins. An Claude Monet schieden sich damals die Geister. „Und heute“, triumphiert Scharpff, „ist man dort stolz, dass das erste Bild, das sie vor 100 Jahren gekauft haben, ein Monet war. Das ist doch grandios. Und wir müssen doch in dieser Tradition weitermachen. Wir können da nicht stillstehen.“

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