Ex-Rewe-Chef Berninghaus
Das zweite Gesicht des Dieter B.

Damit hatte bis zum vierten Prozesstag im Kölner Landgericht niemand gerechnet: Wenn Ernst Dieter Berninghaus am Freitagnachmittag im Saal 212 sein Urteil entgegennimmt, wird es womöglich seine persönliche Tragödie sein, die dem ehemaligen Rewe-Chef den Weg ins Gefängnis erspart.

KÖLN. Im Jahr 2000 hatte Berninghaus – damals als Mitglied der Rewe-Geschäftsleitung – für seinen Arbeitgeber den Kauf der Internetfirma Nexum eingefädelt und dabei heimlich vom Verkäufer 6,5 Millionen Euro Provision kassiert. Die Zahlungen enthielt er nicht nur dem Finanzamt vor, in der Folgezeit erwies sich Rewes Neuerwerb, für den der Handelskonzern rund 25 Millionen Euro zahlte, zudem als weitgehend wertlos. Nun fordert Staatsanwalt Norbert Reifferscheidt für Berninghaus eine zweijährige Haftstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt werden soll.

Die Geschichte seines Lebens, die Berninghaus unmittelbar vor dem Plädoyer des Staatsanwalts am Mittwochabend erzählte, lässt den unter dem Vorwurf des schweren Betrugs stehenden Spitzenmanager in einem anderen Licht erscheinen als bisher. Hinter der Fassade des skrupellosen Tausendsassas, der seinem Arbeitgeber mit windigen Tricks Millionen aus der Tasche zog, zeigte sich im Gerichtssaal für einen Moment das zweite Gesicht des Angeklagten: das eines aufopfernden Vaters zweier Söhne, der sich bis an die Grenzen des Unerträglichen gegen den Zerfall seiner Familie stemmte.

Gesprochen hat der 41-Jährige darüber in der Vergangenheit nie. Nicht einmal der Familienstand war dem Anfang 2004 zum Rewe-Vorstandssprecher ernannten Kölner zu entlocken. „Nur Aufsichtsratschef Klaus Burghard und wenige enge Mitarbeiter haben davon gewusst“, sagt Berninghaus vor Gericht.

Dann spricht er von der schweren psychischen Krankheit seiner Schweizer Lebensgefährtin, einem Leiden, das in ihrer Familie weit verbreitet sei. Den Bruder habe es bereits zu einem stationären Pflegefall gemacht, und auch Berninghaus’ Lebensgefährtin traf die Krankheit, ehe der erste Sohn 2001 zur Welt kam.

Ihr gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich zunehmend. „Manchmal bin ich nachts von Mailand nach Köln gefahren, um am nächsten Morgen unser Kind zu versorgen“, erinnert sich Berninghaus, der zu dieser Zeit für Rewes Auslandsexpansion verantwortlich war und eben erst eine schwere Lungenoperation überstanden hatte.

Mit der Geburt des zweiten Sohnes 2003 verschlimmert sich die Situation. Er habe mit dem Gedanken gespielt, den Job bei Rewe an den Nagel zu hängen, sagt Berninghaus rückblickend. Doch sein Ehrgeiz war größer. „Ende 2003 deutete sich an, dass ich die Nachfolge von Rewe-Chef Hans Reischl antreten müsste.“

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