Ex-Teldafax-Vorstand
Der Ehrliche bekommt eine zweite Chance

Als er die Wahrheit sagte, musste er gehen. Der einzige Manager, der beim Skandalunternehmen Teldafax auf sein Gewissen hörte, war der erste, gegen den die Staatsanwaltschaft ermittelte. Nun bekommt er eine neue Chance.
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DüsseldorfMehr als zwei Jahre lang schien für Alireza Assadi die Wirtschaftswelt auf dem Kopf zu stehen. Er, der Einzige, der beim Stromanbieter Teldafax sein Gewissen über sein Gehalt gestellt und bei der Aufarbeitung der Betrugsvorwürfe geholfen hatte, wurde als Verräter denunziert, als Erpresser angezeigt und blieb nach seinem Ausscheiden bei dem Skandalunternehmen ohne feste Anstellung. Das ändert sich nun. Ab dem zweiten Mai wird Assadi Chef bei den Stadtwerken Oranienburg.

„Wir brauchen einen Geschäftsführer, und zwar einen guten“, erklärt Kerstin Kausche, Aufsichtsratsvorsitzende der Stadtwerke, die Personalentscheidung. Deshalb habe man Assadi eingestellt - wegen seiner Fachkompetenz. Teldafax sei nur am Rande ein Thema gewesen. Aber: „Seine Ehrlichkeit in dieser Sache hat für ihn gesprochen.“

Was selbstverständlich sein müsste, ist für Assadi ein neues Gefühl. Im Oktober 2009, als er seinem Aufsichtsrat bei Teldafax mitteilte, das Unternehmen sei überschuldet, illiquide und müsse Insolvenz anmelden, entließ der Aufsichtsrat ihn. Ein Jahr lang blieb der Zustand von Teldafax geheim. Als das Handelsblatt den Skandal im Oktober 2010 aufdeckte, begann für Assadi ein Spießrutenlauf.

Teldafax leugnete. Es leugnete seine Schulden, es leugnete seine Zahlungsschwierigkeiten, und es leugnete, dass der Betrieb nur aufrechterhalten werden konnte, indem man immer mehr neue Kunden mit ruinösen Vorkassetarifen lockte. Teldafax war das größte Schneeballsystem Deutschlands. Doch wer dies offen sagte, wurde vom Unternehmen angegriffen.

Assadi las in Zeitung, dass Teldafax ihn wegen Geheimnisverrat verklagte. Er wunderte sich, dass die Insolvenzreife ein Geheimnis darstellte. Er wunderte sich auch, dass Journalisten so etwas schrieben, ohne ihm Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben.

Am meisten aber wunderte Assadi, dass die Staatsanwaltschaft tatsächlich gegen ihn ermittelte und nicht gegen Teldafax. Dies geschah erst acht Monate später – da aber war Teldafax schon pleite –und mit 750.000 Gläubigern der größte Insolvenzfall Deutschlands.

„Zwischendurch habe ich gezweifelt, ob ich das Richtige getan habe“, sagt Assadi. Schließlich machte der Teldafax-Vorstand noch monatelang weiter, während Assadi sich als Berater durchschlug – mit der Staatsanwaltschaft im Nacken. Die hat ihre Ermittlungen gegen Assadi vor Monaten eingestellt, seinen Job tritt er unbeschwert an. „Das ist wohl die Lehre“, sagt Assadi. „Am Ende lohnt sich Ehrlichkeit doch.“

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche

Kommentare zu " Ex-Teldafax-Vorstand: Der Ehrliche bekommt eine zweite Chance"

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  • Deutschland live:
    Zunächst werden mal die Unschuldigen verfolgt. Erst unter dem Druck der Öffentlichkeit lässt man von ihnen ab.
    Dann wird erst einmal so gut es geht vertuscht.
    Die größten Ganoven jedoch, in der Regel auch gut vernetzt in (Lokal)Politik und Wirtschaft, werden bei uns stets mit Samthandschuhen behandelt.

  • Man fragt sich in diesem Zusammemhamg insbesondere, wo denn all die Aufsichtsbehörden wie Bundesnetzagentur etc. waren, die ja schon lange über TelDaFax Bescheid wußten und das "dumme" Volk uns "Elend" laufen ließen ...

  • Der Ehrliche bekommt nichteinmal überhaupt irgendeine Chance.
    Das ist wie in der Realität eben ganz genauso.
    Wahrheit ist Arbeit.
    Und während sich die faulen Säcke darum bekümmern noch verlogener dazustehen um dafür noch mehr die Welt in den Arsch zu treten für deren brave new world wird der Rest der Ehrlichen sich auf weitere Verlogenheiten einstellen.
    So einfach ist das.

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