Familienunternehmen in Japan
Wert statt Gewinn

Stabile politische Verhältnisse über lange Zeit hinweg haben viele traditionsreiche japanische Unternehmen trotz häufiger Krisensituationen überleben lassen. Mit denen hat auch das älteste Familienunternehmen der Welt zu kämpfen, das japanische Hotel Houshi Ryokan. Um sie zu meistern, setzt sein Besitzer nicht ausschließlich auf Gewinne, sondern auf Werte.

OKIO. Wenn Zengoro Houshi Besucher durch sein Hotel an der Nordseite der japanischen Hauptinsel Honshu führt, hat das etwas von einer Museumsführung. Er zeigt bunt bemaltes Geschirr, das seine Vorgänger vor 180 Jahren den Gästen vorgesetzt haben, und führt durch den vor 300 Jahren gestalteten Garten mit der riesigen, moosbedeckten Steinlaterne, die den grauhaarigen Hotelbesitzer deutlich überragt. Hunderte von Jahren sind für den 68 Jahre alten Hotelbesitzer eine Selbstverständlichkeit, denn sein kleines Familienunternehmen ist fast 1 300 Jahre alt.

Houshi Ryokan, ein japanisches Hotel mit 70 Tatamizimmern und heißen Termalquellen, ist das älteste Unternehmen der Welt. 718 gründete Garyo Houshi auf Geheiß des Mönchs Taicho Daishi das Ryokan, wie japanische Hotels heißen, um den Menschen die heilende Kraft des Thermalwassers am Fuße des Berges Haku zu bieten. Zengoro Houshi ist heute Präsident in der 46. Generation. Stirbt ein Präsident, übernimmt der Sohn das Ryokan automatisch und ändert seinen Vornamen in Zengoro.

Substanzielle Unterschiede zwischen dem Management von Familienunternehmen in Japan und in anderen Ländern gibt es nach Meinung von Professor Kiyohiko Ito von der Universität of Hawaii nicht. Unter anderem hätten die lange stabilen politischen Bedingungen in Japan dafür gesorgt, dass es heute noch viele alte Unternehmen gebe.

Houshi Ryokan habe Glück gehabt, meint der Präsident. Erdbeben, Taifune, Tsunamis und Krieg ließen das Ryokan unbeschädigt. So manche Krise hat das Unternehmen dennoch hinter sich: In der Edo-Zeit, als Finanzprobleme fast das Aus bedeutet hätten, zur Zeit der Weltwirtschaftskrise, als sich das Hotel durch den Verkauf von altem Geschirr über Wasser hielt, und im zweiten Weltkrieg, als verletzte Soldaten überall zwischen den Steinlaternen im Garten lagen.

Ein Nachfolgeproblem jedoch hat es bei den Houshis anders als in vielen anderen Familienunternehmen nie gegeben. Nachwuchs kam immer auf die Welt. War kein Sohn darunter, übernahm der eingeheiratete Schwiegersohn den Zengoro-Titel. "Ich habe gewusst, dass ich das Ryokan übernehmen werde, seit ich denken kann", erzählt Zengoro. Die fast 1 300 Jahre Unternehmensgeschichte sieht er als eine Art Staffellauf. Selbstkritisch meint er jedoch: "Ich denke, ich bin kein guter Läufer gewesen." Dass er etwa vor 20 Jahren einige der Holzbauten im hinteren Hotelbereich abgerissen und einen achtstöckigen Betonbau hingesetzt habe, bereue er heute.

Denn sein Unternehmensziel sei es nicht, Gewinn, sondern Wert zu schaffen. Langfristig müsse ein Unternehmen dafür natürlich profitabel sein, aber das sei Mittel, nicht Zweck. Houshi Ryokan erwirtschaftet dem Präsidenten zufolge Gewinn, kämpft aber seit anderthalb Jahrzehnten mit widrigen Branchenbedingungen.

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