Finanzplatz London
Der recht ehrwürdige, gewählte Lord

London ist das bedeutendste Finanzzentrum in Europa, doch es regiert sich nicht von selbst. Es braucht jemanden, der dafür sorgt, dass die weltweite Finanzgemeinde ideale Bedingungen vorfindet. Seit Freitag übernimmt John Stuttard das altehrwürdige Amt des Lord Major. Zu seinem Job gehört auch, die Werbetrommel zu rühren.

Eigentlich war der Terminkalender von John Stuttard am vergangenen Freitag nicht allzu dicht gefüllt – Kirchgang um 11.15 Uhr, danach ein Treffen in der Londoner Guild Hall. Als Stuttards Tagwerk gegen ein Uhr mittags erledigt war, wirkte der 61-Jährige aber doch ein wenig erschöpft. Kleine Schweißperlen liefen ihm über die Stirn, als der etwas schlacksige Mann mit dem schütteren Haar für die Fotografen posierte.

Vielleicht brachten ihn aber auch nur Pelzumhang und Brokatweste zum Schwitzen. Oder vielleicht war ihm der ganze Auftritt ein etwas unangenehm. Fanfarenstöße, Zepter, gepuderte Perücken – ein wenig „over the top“, ein wenig übertrieben für jemanden, der seine Karriere beim Buchprüfer Pricewaterhouse Coopers absolviert hat.

Aber das gehört eben zum Job. Stuttard wurde am Freitag in der Guild Hall von den Mitgliedern der Londoner Zünfte für zwölf Monate zum „Right Honourable Lord Mayor“ der City gewählt. Im November wird er den Posten offiziell übernehmen. Das Amt des Lord Mayors ist so alt, dass viele Adelsgeschlechter dagegen neureich wirken. Die Diamanten auf der Amtskette sind ein Geschenk von Königin Elisabeth, Elisabeth I., die im 17. Jahrhundert regierte. Stuttard hat über 700 Vorgänger, der erste Lord Mayor trat 1189 sein Amt an.

Das Reich des Lord Mayors ist zwar winzig, nur eine Quadratmeile im Herzen Londons mit gerade einmal 8 000 Einwohnern. Aber seine Sorge gilt nicht nur seinen unmittelbaren Untertanen, sondern vor allem jenen über 300 000 Menschen, die täglich zur Arbeit in die City, das bedeutendste Finanzzentrum in Europa, pendeln.

Trotz allen Pomps und aller mittelalterlichen Zeremonien, das Amt geht weit über das eines Zeremonienmeisters hinaus. Heute bestehen die Zünfte vor allem aus den Mitgliedern der Finanzindustrie und ihrer Nachbarbranchen, und der Lord Mayor ist eines der wichtigsten Rädchen in der Maschine, die die Briten entwickelt haben, um die City immer weiter voranzubringen.

Mit einem Beitrag von 8,5 Prozent zur Wirtschaftsleistung ist der Finanzsektor längst zur Schlüsselindustrie für Großbritannien geworden. Wenn die jährlichen Bonuszahlungen in der City einmal nicht so üppig wie erwartet ausfallen, muss Finanzminister Gordon Brown gleich seine Steuerschätzungen überprüfen.

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