Firmen-Aufseher
Chairman verzweifelt gesucht

Die Führungsriege in britischen Konzernen scheint personell ausgezehrt - selbst eine Topadresse wie der Energieriese BP tut sich schwer, einen neuen Oberaufseher zu finden. Viele erfahrene Kandidaten hat die Krise diskreditiert, anderen fehlt das Format.

LONDON. So wie Peter Sutherland wünscht man sich einen Chairman: Ein Schwergewicht in jeder Hinsicht, politisch, wirtschaftlich und rein äußerlich. Durchsetzungsstark und weltgewandt, ein gütiger Übervater für den CEO und ein vertrauenswürdiger Seelsorger für besorgte Großaktionäre. Ein Mann, für den der Londoner Gentleman-Club der natürliche Lebensraum ist - man stellt ihn sich unwillkürlich in gediegenem Ambiente bei einem guten Glas Rotwein und einer dicken Zigarre vor. Sein Lebenslauf ist fast zu gut, um wahr zu sein: ehemaliger EU-Kommissar und Chef der Welthandelsorganisation, Chairman von Goldman Sachs International und Finanzberater des Papstes. Der Mann kann einfach alle Türen öffnen.

Doch Typen wie der 62-jährige Ire Sutherland wachsen nicht so einfach nach. Das zeigt die schon geradezu verzweifelte Suche des Ölriesen BP nach einem Nachfolger. Eigentlich wollte Sutherland nach elf Jahren an der Konzernspitze auf der Hauptversammlung an diesem Donnerstag abtreten, doch nun stellt er sich wohl oder übel noch einmal zur Wahl. Der Grund: Der angepeilte Nachfolger Paul Skinner hat es sich mit der Londoner City verscherzt und ist darum aus dem Rennen. Der langjährige Chairman des britisch-australischen Rohstoffkonzerns Rio Tinto ist zwar ein nüchternerer Typ, hat aber eine ähnlich patriarchalische Ausstrahlung wie Sutherland. Als Ex-Shell-Manager bringt er zudem Erfahrungen aus der Ölindustrie mit. Aber er hat die unselige Übernahme des Aluminiumherstellers Alcan zu verantworten, die Rio Tinto mit 40 Mrd. Dollar Schulden belastet. Und dann verärgerte er die Aktionäre mit einem unpopulären Deal, der dem chinesischen Staatskonzern Chinalco großen Einfluss geben wird.

Sutherland, der ein wenig an den späten Winston Churchill erinnert, muss nun das Netz für die Nachfolgersuche weiter auswerfen. Schließlich fischen zurzeit auch noch andere im Talentpool der UK Plc. Der britisch-südafrikanische Bergbaukonzern Anglo American etwa sucht einen Nachfolger für Mark Moody-Stuart, 68, den liebenswürdigen Ex-Chairman von Shell. Hier ist der Kandidat der Vorstandschefin Cynthia Carroll durchgefallen - John Parker, der Chairman des Strom- und Gasnetzbetreibers National Grid. Eine starke Fraktion im Verwaltungsrat wollte lieber einen Südafrikaner. Auch die Supermarktkette Sainsbury sucht einen neuen Chairman - der alte, Philipp Hampton, überwacht jetzt für die Regierung als Chairman die Sanierung der verstaatlichten Royal Bank of Scotland (RBS) und hat so alle Hände voll zu tun.

Der Chairman nimmt im angelsächsischen Board, dem Verwaltungsrat, eine machtvolle Position ein. Im Board sitzen exekutive Direktoren, die den Vorstand bilden, mit nicht-exekutiven Direktoren zusammen, die deutschen Aufsichtsräten entsprechen. Corporate-Governance-Regeln sorgen dafür, dass starke, unabhängige Aufseher, angeführt von einem gestandenen Chairman, den Vorständen auch im Tagesgeschäft auf die Finger schauen. Anders als in Deutschland ist es zum Beispiel üblich, dass der Chairman bei Bilanzpressekonferenzen oder der Bekanntgabe wichtiger Übernahmen neben dem CEO auf dem Podium sitzt und als Erster das Wort ergreift. Auch im Dialog mit großen Investoren spielt der Chairman eine wichtige Rolle.

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