Fusionen in der Versicherungsbranche
Poker um die Macht in Münster

Die Provinzial Nordwest kürt einen neuen Vorstandschef. Anfang 2009 soll Ulrich Rüther den bisherigen Chef Heiko Winkler an der Konzernspitze ablösen. Der 40-jährige Hoffnungsträger könnte schon bald vor einer gewaltigen Aufgabe stehen.

FRANKFURT. Ulrich Rüther oder Ulrich-Bernd Wolff von der Sahl? Einer von beiden könnte bald den größten öffentlichen Versicherer in Deutschland führen - wenn sich die Provinzial Nordwest aus Münster und die SV Sparkassenversicherung aus Stuttgart zusammenschlössen. Diese Fusion will mit Macht Sparkassenchef Rolf Gerlach, der Präsident des Westfälisch-Lippischen Sparkassen- und Giroverbandes. Extrem hartnäckig verfolgt der Herr über 40 Prozent an der Provinzial Nordwest dabei sein Ziel.

Einen wichtigen Teilerfolg feierte Gerlach gestern: Der Versicherer aus Münster bekommt 2009 einen neuen Vorstandschef. Ulrich Rüther, bisher Sanierer der Kieler Tochter, löst Heiko Winkler ab, der das Unternehmen seit 1995 führte. Sein Vertrag galt bis April 2009, dann wäre er mit fast 62 Jahren zu alt gewesen für weitere fünf Jahre.

Abgesehen davon, dass Winkler nicht mehr so fit ist wie früher, passt sein Rückzug ins Konzept von Gerlach. Mit Rüther präsentiert dieser einen Mann, der erst 40 Jahre alt ist und bereits beeindruckend in Kiel gearbeitet hat. Die Provinzial Nord, die sich nach der Jahrtausendwende mit Aktiengeschäften verspekuliert hatte, brachte Rüther wieder in die schwarzen Zahlen - eine Leistung, die ihm wohl ohnehin den Chefsessel in Münster eingebracht hätte.

Dass dies nun schneller kommt als er selbst erwartete und für manche sogar zu früh, hängt mit der gesamten Fusionsdebatte unter den öffentlichen Versicherern zusammen. Winkler gilt als ein Mann mit Ecken und Kanten, der im öffentlichen Lager auch schon mal mit anderen Vorsitzenden aneinander gestoßen ist. Rüther dagegen ist der unverbrauchte Mann der Zukunft. Er hat den größten Teil seines Berufslebens bei der heutigen Ergo-Tochter Victoria verbracht. Erst 2006 kam er zur Provinzial, ist aber immerhin gebürtiger Westfale und besitzt wegen seiner Ausbildung bei der Sparkasse Ibbenbüren sogar ein wenig vom wichtigen "Stallgeruch".

Dies und seine offene Art könnten ihm nun helfen, eine Fusion mit der SV Sparkassenversicherung unter Dach und Fach zu bringen. Wichtig dürften dabei neben Geschick auch Bescheidenheit und Geduld sein. Denn sein Konkurrent von der Sahl kommt zwar aus dem Unternehmen, das zahlenmäßig das etwas kleinere ist. Doch von der Sahl hat wesentlich mehr Erfahrung mit Fusionen gesammelt, ist ein Jahrzehnt älter und darf zudem auf Gerlach setzen. Vermutet wird bereits, dass der Sparkassenpräsident ihm den Vorsitz des neuen Unternehmens angeboten hat. Dafür spräche jedenfalls seine gute Laune in der vergangenen Woche und die positive Einstellung zu einer Fusion mit der Provinzial, meinen Beobachter.

Der Poker um die Macht zwischen Rüther und von der Sahl bleibt offen. Als Spielverderber positioniert sich Wolfgang Kirsch, der über den Landschaftsverband Westfalen-Lippe wie Gerlach 40 Prozent der Provinzial-Eigentümer vertritt. Seine Ablehnung einer Fusion könnte Taktik sein, um viel für Münster herauszuholen - nicht nur den Hauptsitz der neuen Versicherung, sondern auch einen Westfalen als Chef: Rüther.

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