Gastbeitrag
Oh Manager, Schwöret!

Wie angehende Ärzte sollten auch Jungmanager einen Eid ablegen, fordert Business School-Dean Angel Cabrera.

Ist Management ein richtiger Berufsstand? Dies ist eine Frage, die sich eine Gruppe von jungen internationalen Führungspersönlichkeiten im letzten September bei einem Treffen des World Economic Forum in Genf stellte. Die Frage ist keineswegs nur akademischer Natur. Sie liegt im Herzen unserer Konzeption von Wirtschaft und ihrer Rolle in der Gesellschaft. Eine Frage, die entscheiden wird, was effiziente Unternehmensführung darstellt und welche Verantwortlichkeiten wir denen zuschreiben, die an der Ausbildung zukünftiger Wirtschaftsführer beteiligt sind.

Anders als bei Ärzten oder Juristen, braucht man kein Diplom, um ein Unternehmen zu betreiben, und viele der größten Unternehmensführer von Ford bis zu Bill Gates hatten tatsächlich keine formale betriebswirtschaftliche Ausbildung. Aber mehr als 100000 Studenten machen jedes Jahr weltweit ihren Master of Business Administration (MBA). Wenn Management de facto ein Beruf wird, müssen wir uns fragen, welche Schlüsse aus dieser Entwicklung zu ziehen sind.

Es besteht kein Zweifel daran, dass Medizin ein wirklicher Berufsstand ist, ein Beruf, der dem Erhalt und der Verbesserung menschlichen Lebens gewidmet ist.

Ärzte diagnostizieren den Zustand ihrer Patienten, schließen daraus auf wahrscheinliche Gründe und Folgen und identifizieren die effizienteste Behandlung für jeden Zustand. Ärztliche Entscheidungen sind aber durch einen Bestand ethischer und gesetzlicher Regeln eingeschränkt, die bestimmen, was eine akzeptable Behandlung ist. Wenn ein Arzt eine solche wichtige Entscheidung fällt, kann er sich auf ein System von Wissen und Werten beziehen, das von Bildungsinstitutionen verewigt, entwickelt und weitergegeben wird. Seit Hippokrates haben die Lehrer der Heilkunde ihren sozialen Auftrag nicht nur darin gesehen, technische Fähigkeiten oder wissenschaftliches Wissen zu liefern, sondern auch als Erzieher von wirklichen Professionals, die fähig sind, Techniken und Wissenschaft im Dienste der Menschheit anzuwenden. Medizinische Hochschulen, die modernen Nachkommen der griechischen Tradition, machen den zukünftigen Doktoren die Verantwortung bewusst, die mit ihrer beruflichen Praxis einhergeht, indem sie ihnen einen Verhaltenskodex vermitteln, der weit über die gesetzlichen Anforderungen hinausgeht: Respekt der Gesundheit und der Würde ihrer Patienten, Nicht-Diskriminierung, Sorgfalt, ja sogar das Commitment zu lebenslangem Lernen und Sich-auf-dem-Laufenden-Halten.

Wie verhält sich nun Management im Vergleich zur Medizin? Wie Ärzte stellen auch Manager Diagnosen über Geschäftsbedingungen, schließen daraus auf Gründe und Folgen, und identifizieren effiziente und akzeptable Aktionsweisen. Wie Medizin ist auch Management eine komplexe Aufgabe, mit einem eigenen System an Wissen, das aufrecht erhalten, weiterentwickelt und von Business Schools weiter vermittelt wird. Manager haben es mit komplexen und schwierigen Problemen zu tun, bei denen es darum geht, wie Kapital, Arbeit und natürliche Ressourcen verwendet werden, um ökonomischen Reichtum zu schaffen.

Managemententscheidungen haben einen Einfluss auf das Wohlergehen der Gesellschaft durch die Arbeitsmöglichkeiten, die sie schaffen, die Bereitstellung von Gütern und Dienstleistungen, die Verwendung von Rohstoffen, und natürlich die Kapitalerträge an Investoren. Die Wirkung von Managemententscheidungen auf die Gesellschaft und damit die Bedeutung von Management hat sich durch jüngste globale Trends noch verstärkt, durch die die private Unternehmung praktisch in's Zentrum aller Aspekte menschlicher Aktivität platziert wurde. Durch Globalisierung, Deregulierung und Privatisierung ist die Gesellschaft mit beschränkter Haftung in welcher nationalen Rechtsform auch immer das dominante Gebilde zur Schaffung und Verwaltung von Reichtum fast überall auf der Welt. Wenn aber die Auswirkung auf die Gesellschaft das Maß für die Bedeutung einer Berufsgruppe ist, dann ist Management nicht weniger ein Berufsstand als Medizin oder Recht.

Aber, obwohl niemand die Vorstellung in Frage stellt, dass die medizinische Ausbildung unvollständig bliebe ohne die Weitergabe eines Bestands an beruflichen Werten, haben wir es bislang nicht gewagt, eine solche Verpflichtung Wirtschaftsdozenten aufzuerlegen. Zumindest nicht einstimmig oder unzweideutig. Aus diesem Grund kam bei dem Treffen in Genf die Idee auf, eine formelle Formel, eine Selbstverpflichtung, zu entwickeln, die eines Tages von allen Wirtschaftsabsolventen auf der ganzen Erde akzeptiert werden würde, genau so wie es Medizinabsolventen mit dem so genannten Hippokratischen Eid über Jahrhunderte gemacht haben.

Die Selbstverpflichtung, die uns vorschwebte, müsste weltweit akzeptabel sein und zugleich das Wesen des Managerberufs erfassen. Sie sollte Absolventen ihre Verantwortung bewusst machen, aber sie auch stolz machen. Und sie sollte dazu beitragen, die Idee von Management als einer ehrbaren Berufstradition zu stärken . Die Selbstverpflichtung, die wir entwarfen, identifizierte vier Verpflichtungen: dauerhaften finanziellen Reichtum zu schaffen, die Rechte und die Würde von Angestellten zu respektieren, sich nur in ehrlichen und transparenten kommerziellen Transaktionen zu engagieren, und die natürlichen Rohstoffe auf nachhaltige Weise zu nutzen. Vor allem, unterstrich sie das Commitment zur Schaffung von Wohlstand und Fortschritt für die Gesellschaft als Ganzes.

Zu diesem Zeitpunkt glaubten wir, unsere Idee einer Selbstverpflichtung sei konservativ genug, um bei einer breiten Gruppe Zustimmung zu finden. Wie sich herausgestellt hat, ist das nicht so einfach. Eine Reihe von Einwänden sind erhoben worden, die von philosophischen bis zu ganz pragmatischen reichen.

Die philosophischen beziehen sich auf Friedman's klassisches Argument, dass die einzige Verpflichtung von Unternehmen die sei, Mehrwert für die Aktionäre zu schaffen. Aber wir wissen, dass Unternehmen, obwohl sie das beste sind, was wir für die Wertschöpfung erfunden haben, keineswegs risikofrei sind. In Abwesenheit von perfekten Märkten, kann engstirnige Profitmaximierung nicht die endemischen Probleme lösen, die mit der Umwelt oder der sozialen Entwicklung verbunden sind. Das kann nur eine aufgeklärte Denkweise von Managern, in der eine differenzierte soziale Sicht auf die Welt verankert ist.

Andere Leute haben grundsätzlich die Fähigkeit von Hochschulen in Frage gestellt, überhaupt das Wertesystem eines bereits Erwachsenen zu formen. Aber das tun wir bereits. Die Frage ist deshalb nicht, ob wir an Business Schools Werte lehren sollten oder nicht, sondern ob die Werte, die wir bereits lehren, die richtigen sind.

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