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Geliebter Nachrichtenfälscher

Das liberale Amerika hat einen neuen Liebling: TV-Komiker Jon Stewart. Selbst das Weiße Haus schaltet bei ihm ein.

LOS ANGELES. Sein Blick geht nach oben, er zählt an den Fingern ab. Gerade hat Jon Stewart Bilder einer Anhörung von US-Generälen zur Lage im Irak einspielen lassen. Aus drei irakischen Divisionen sei nur eine geworden, hieß es da. „Oh, könnte das genau das Gegenteil von dem sein, was der Präsident vor zwei Tagen gesagt hat?“ Eine rhetorische Frage. Stewart hatte zuvor schon eine Radioansprache von George W. Bush angespielt, in der er zwei Tage nach jener Anhörung behauptet hatte, die Zahl irakischer Soldaten steige. Treffer. Versenkt. Wieder einmal.

Amerika liebt es, wenn Stewart auf Politiker und Showbusiness-Größen anlegt. Mit seiner „The Daily Show“, einer satirischen Nachrichtensendung, lockt er Millionen Amerikaner um 23 Uhr zum Komödien-Spartensender Comedy Central. Er selbst kann die ganze Aufregung nicht verstehen. „Was wollen die bloß alle von mir? Ich bin doch ein absoluter Nobody.“ Politiker, Journalisten, Fans lechzen nach dem 42-Jährigen mit den grauen Schläfen. Gnadenlos und oftmals mit wenigen Worten, aber dafür eindeutiger Mimik zeigt er in Nachrichtenclips Ausrutscher der Großen oder entlarvt sie durch die Kombination widersprüchlicher Aussagen. „Jon Stewart ist wie eine politische Paris Hilton. Ein kulturelles Phänomen“, sagt David Letterman, König der Late-Night-Show und Stewarts Lehrmeister.

Für das liberale Amerika ist Stewart zur Ikone geworden – obwohl der bekennende Demokrat keine Rücksicht nimmt auf links oder rechts. So viel Einfluss hat er inzwischen, dass selbst das Weiße Haus sich aufregt, wenn er den Präsidenten zu sehr veralbert. Auf so etwas reagiert Stewart mit Schulterzucken: „Einige haben noch immer nicht begriffen, dass unsere Nachrichtensendung reine Parodie ist. Die News, die wir verlesen in der Show, sind nicht echt“, sagt er mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Sie basieren allerdings auf echten Nachrichten – die Grenze zwischen Realität und Witz verschwimmt.

Geschrieben ist Stewart nur mäßig witzig: „Präsident Bush hat eine Hand voll Journalisten zu seiner streng geheimen Reise in den Irak eingeladen. Die Aufgabe der Journalisten: Sie sollen bei dieser Top-Secret-Mission der ganzen Welt verraten, wo sich der Präsident gerade aufhält. Alles streng geheim.“ Es ist die Mischung aus Bild, Kommentar und Mimik, die den Charme der „Daily Show“ ausmacht. Stewart schaffe es, sagt Bill Moyers, ein angesehener politischer Talkshow-Gastgeber in den USA, „den Finger auf die Wunde zu legen und mit einfachen Beispielen aufzuzeigen, was in unserer politischen Grundordnung derzeit falsch läuft.“ Und Tom Brokaw, einer der führenden Nachrichtenköpfe Amerikas, fügt hinzu: „Jon ist jemand, der ein authentisches Demokratieverständnis mitbringt.“

Aufgewachsen in Lawrenceville, New Jersey, war er als einziger jüdischer Junge an seiner High School lange Zeit Opfer antisemitischer Anfeindungen seiner Klassenkameraden. Dass er aus diesem Grunde seinen Namen von Jonathan Stuart Leibowitz in Jon Stewart änderte, will der talentierte Fußballspieler nicht bestätigen. Vielmehr soll ein zerrüttetes Verhältnis zum Vater der Auslöser gewesen sein. Stewarts Vater, ein Physiker, verließ die Familie, als sein Sohn ein Teenager war. Auch heute gibt es zwischen den beiden keinen Kontakt.

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