Hoher Kostenfaktor
Ist der Mitarbeiter gesund, freut sich die Firma

Eine Exklusiv-Studie zeigt: Wer das Gesundheitsmanagement vernachlässigt, macht teure Fehler.

Einmal in zwei Monaten, manchmal sogar alle vier Wochen, muss sich die Vertriebsmanagerin* krank melden: dröhnende Kopfschmerzen, Brechreiz, Lichtempfindlichkeit. Trotz starker Medikamente fühlt sich die 27-Jährige nicht in der Lage, zur Arbeit zu gehen – sie leidet unter Migräne. Nur ihre Vorgesetzte und direkten Kollegen bei dem Medienunternehmen AOL Time Warner wissen von ihrer Krankheit. Sie selbst will das Thema nicht an die große Glocke hängen, ihr Arbeitgeber hat andererseits noch nie nach den Gründen ihrer Ausfälle gefragt.

Das Thema Gesundheitsmanagement wird in vielen Unternehmen klein geschrieben, nicht nur bei AOL Time Warner. Nur 16 Prozent aller deutschen Firmen kümmern sich um Prävention oder versuchen, krankheitsbedingte Fehlzeiten gering zu halten. Egal, ob es sich dabei um eine schwere Migräne, Rückenleiden oder eine Grippe handelt: Wie die aktuelle Exklusivstudie fürs Handelsblatt des Marktforschungsunternehmens Europressedienst in Bonn zeigt, können nur 117 von 728 befragten Unternehmen überhaupt etwas sagen über ihr eigenes Gesundheitsmanagement.

Dabei sollten sie sich intensiver um das Thema kümmern: Der Krankenstand in Deutschland liegt bei gut 5 Prozent. Die volkswirtschaftlichen Kosten der Produktionsausfälle durch Arbeitsunfähigkeit werden auf 44,8 Milliarden Euro geschätzt, heißt es in der Studie. Das bedeutet: Würde ein Konzern wie Daimler-Chrysler seinen Krankenstand nur um einen Prozentpunkt senken, ergäbe sich ein Einsparvolumen von 100 Millionen Euro pro Jahr. „Die hohen Lohnnebenkosten in Deutschland können nur durch eine Steigerung der Produktivität der Mitarbeiter kompensiert werden“, sagte Ursula Spellenberg, Expertin für Arbeitsschutz und Gesundheitsmanagement des Autokonzerns, kürzlich auf einer Konferenz. „Und die ist wesentlich abhängig von der Motivation und Gesundheit des Einzelnen.“

Der gute Wille reicht nicht

Die Volkswagen AG hat ihre Gesundheitsquote zwischen 1991 und 1998 von 92 auf 96 Prozent erhöht, die Zahl der Arbeitsunfälle verringerte sich von 14 auf 11 Prozent je eine Million geleisteter Arbeitsstunden. Das Wolfsburger Werk konnte so 120 000 Euro pro Jahr einsparen.

Der Wille zum vernünftigen Gesundheitsmanagement scheint in vielen Unternehmen zwar vorhanden zu sein: Gut 80 Prozent der vom Europressedienst Befragten bewerten das Thema als wichtig bis sehr wichtig. Trotzdem überlässt die Mehrheit dieses Thema dem Betriebsarzt: Nur bei jedem zehnten Unternehmen gibt es einen Verantwortlichen oder gar einen externen Gesundheitsmanager. „Die Ansiedlung des Themas bedeutet in der Konsequenz: Effektives Gesundheitsmanagement kann vielfach auf Grund mangelnder Kapazitäten nicht vernünftig umgesetzt werden“, so die Autoren der Studie, die vom amerikanischen Impfstoffhersteller Chiron-Behring aus Marburg in Auftrag gegeben wurde. Rückenleiden und grippale Infekte nennen die Unternehmen als häufigste Krankheitsursachen ihrer Mitarbeiter, gefolgt von Migräne und Depression. Trotzdem sind es Maßnahmen wie Seh- und Hörtests oder eine ergonomische Arbeitsplatzgestaltung, die Arbeitgeber ihren Angestellten anbieten. Meist sind die ohnehin von Berufsgenossenschaften vorgeschrieben. Freiwillige Angebote wie Betriebssport, Ruheraum oder Stressbewältigungstraining sind weitaus seltener.

Die AOL-Time-Warner-Mitarbeiterin versucht seit kurzem, ihre Krankheit durch Akupunktur in den Griff zu bekommen. Die Kosten teilt sie sich mit der Krankenkasse, ihr Arbeitgeber beteiligt sich nicht. Immerhin bietet der Medienkonzern seinen Mitarbeitern eine Gratismitgliedschaft im Fitnessstudio, wo die Migräne-Geplagte Yoga-Kurse besucht.

Unternehmen im Ausland sind weiter

„Branchen mit hoher Wertschöpfung pro Mitarbeiter investieren am stärksten in die Gesundheit ihrer Mitarbeiter, etwa im Dienstleistungssektor“, sagt Thomas Seipp, Produktmanager bei Chiron-Behring. So hat der Hamburger Flughafen einen Gesundheitsmanager. Auch die Medizintechniker Gambro Dialysatoren aus Hechingen und der Otto-Konzern verhalten sich tadellos: Beide wurden 2002 zusammen mit Nokia mit dem Unternehmens-Kultur-Preis der BAD GmbH ausgezeichnet. Die Firmen kümmerten sich beispielhaft um ihre Mitarbeiter, hieß es in der Begründung: Präventions- und Rehabilitationsprogramme, Ergonomieberatung bis hin zu einem umfangreichen Sportprogramm.

Experten kritisieren, dass deutsche Betriebe weit hinter ihren Konkurrenten im Ausland zurückstehen. „In Finnland, Holland oder den USA wird das Thema viel ernster genommen“, sagt Norbert Wieneke vom Beratungsunternehmen BAD. Wenn auch nicht immer freiwillig: In den USA, so Wieneke, investieren Unternehmen aus Angst vor Klagen nach einem Arbeitsunfall stärker in die Arbeitsplatzsicherheit.

* Name ist der Redaktion bekannt

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