Management
Im Labor wird die Ratte ganz schnell betriebsblind

Ratten sind anspassungsfähige und lernbereite Wesen. Dabei lernen sie nicht in grüblerischer Manier, durch Analyse des Problems oder der eigenen Erfahrung, sondern eher so, dass man sie für die Erfinder der Versuch-und-Irrtum-Methode halten könnte.

HB DÜSSELDORF.Findet sich eine Ratte plötzlich in einem Labyrinth wieder, in dem es irgendwo ein Stück duftenden Käses gibt, so entfaltet sie alsbald wilden Aktionismus, läuft scheinbar kopflos hin- und her, in Schlaufen zum Ausgangspunkt zurück und immer wieder die gleichen Wege aufs Neue. Dabei „liest“ sie ständig mit der Nase auf der Erde. Ihre Vorgehensweise scheint hektisch und unmethodisch, vor allem unökonomisch zu sein. Aber: Sie gibt nicht eher auf, bis sie ihr Ziel erreicht hat.

Wird die Ratte nun ein weiteres Mal ins Labyrinth gesetzt, dann zeigt sich der Lerneffekt: Sie geht zielstrebiger vor, macht längst nicht mehr so viele Umwege und kommt deutlich schneller zu ihrem Käse. Je öfter sie in der Folge ins Labyrinth gesetzt wird, desto sichtbarer wird, wie gut sie ihre Erfahrungen produktiv verwertet und immer effektiver und ökonomischer agiert. Bleibt das Labyrinth unverändert, ist die Ratte also in der Lage, ihre Erfolgsquote sehr schnell zu steigern.

Doch wehe, wenn die Rahmenbedingungen sich ändern! Marc Hauser, Professor in Harvard, teilte eine Gruppe von gut „eingearbeiteten“ Laborratten, die ihren Weg durch das Labyrinth aus dem Effeff kannten, in drei Gruppen ein. Bei der ersten Gruppe baute er quer durch den Gang, der zum Käse führte, eine Trennwand ein. Das Ergebnis: Die Tiere liefen blindlings dagegen. Der zweiten Gruppe unterbrach er den Gang zum ersehnten Futter durch eine Lücke, was dazu führte, dass sie über die Kante hinweg liefen und in die Tiefe stürzten.

Nun lag der Gedanke nahe, dass die Ratten, vom Hunger besessen, nicht in der Lage waren, das Problem zu erkennen und deshalb versagten. Also baute er für die dritte Gruppe seiner Rattenschule ein Hindernis aus einem großen Berg Futter an einer Stelle, die sie passieren mussten. Zur Verblüffung des Forschers zeigte sich auch hier, wie sehr seine Ratten sich selbst darauf konditioniert hatten, das kleine Stückchen Futter am Ziel zu erreichen, so dass sie den großen Haufen Futter, der ihnen den Weg versperrte, achtlos überkletterten und gar nicht als Nahrungsmittel wahrnahmen.

Das Experiment zeigt vor allem, was Laborbedingungen bewirken: In freier Natur würde eine Ratte weder vor Wände laufen, noch tollpatschig in Löcher plumpsen und schon gar kein Futter übersehen. Hier gibt es keine immer gleichen Umstände, sondern eine Umwelt, die sich ständig ändert und pausenlose Aufmerksamkeit verlangt. Hier ist es ihr nicht möglich, dumpf und doof immer wieder die gleichen Wege einzuschlagen. Mit anderen Worten: Betriebsblindheit kommt hier gar nicht erst auf.

Hieraus lassen sich Rückschlüsse für Unternehmen ziehen. Diese Organismen sind gerade dann besonders fehleranfällig, wenn die Dinge wunderbar rund laufen. Wenn auf der Suche nach der optimalen Strategie schon eine längere Lernstrecke absolviert wurde und der kürzeste Weg zum Ziel bekannt ist, lauert die Falle. Denn je höher das Leistungsniveau, desto wahrscheinlicher ist es, dass eine kleine Veränderung in den Rahmenbedingungen das ganze System vor die Wand laufen lässt.

Die Ursache dieses Problems ist nur allzu menschlich: Je öfter wir Aufgaben auf eine immer gleiche Art gelöst haben, desto weniger Aufmerksamkeit widmen wir unserem Lösungsweg. Und da der Manager gelernt hat, wann immer etwas schief läuft, Ursachenanalyse zu betreiben, um das Problem abzustellen, läuft er geradezu zwangsweise auf ein Paradoxon zu: Je mehr ein System von Störungen abgeschirmt wird, desto anfälliger wird es für Störungen – nämlich dann, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern.

So kann es also zweckmäßig sein, Routinen gelegentlich zu durchbrechen, Aufmerksamkeit neu zu erregen und sich zumindest im Planspiel mit anderen Rahmenbedingungen zu befassen.

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