Im Rennen um die US-Präsidentschaft schwenken die Demokraten auf einen Vorzeige-Militär ein
Der Senkrechtstarter Clark muss noch am Profil feilen

Die US-Opposition hat einen neuen Senkrechtstarter: Wesley Clark. Kaum hatte der ehemalige Vier-Sterne-General in der vergangenen Woche seine Präsidentschafts-Kandidatur bekannt gegeben, lief er sogar dem Amtsinhaber George W. Bush den Rang ab. Nach einer Umfrage des Gallup-Instituts würden 49 % der eingetragenen US-Wähler Clark ihre Stimme gegeben und nur 46 % Bush.

WASHINGTON. Senator John Kerry, ebenfalls hochdekorierter Vietnam-Veteran, wäre an zweiter Stelle gelandet. Dagegen hätte der populistische Wirbelwind Howard Dean, die Überraschung der letzten Wochen, Bush den Vortritt lassen müssen.

Es ist kein Zufall, dass zwei Spitzen-Militärs in der zehnköpfigen Oppositions-Riege oben stehen. Da die Nach-Kriegsphase im Irak nicht gut läuft, wünschen sich die Amerikaner derzeit vor allem Sicherheit und militärische Expertise. Wesley Clark, in der zweiten Hälfte der 90er Jahre Nato-Oberbefehlshaber in Europa und Held im Kosovo-Krieg, erfüllt diese Erwartungen wie kaum ein anderer.

Seit der Vorbereitung des Irak-Feldzuges ist Clark vielen US-Bürgern als Gast-Kommentator beim Fernsehsender CNN bekannt. Dabei lieferte er abgeklärte Analysen und ließ sich auch bei polemischen Nachfragen nicht aus der Reserve locken. Dass er vor den Fallstricken der Nach-Kriegsphase gewarnt hatte, kommt dem 59-Jährigen heute zu Gute.

Für die Demokraten ist es eine neue Erfahrung, dass der lange Zeit als politisch unantastbar geltende Präsident plötzlich Schwächen zeigt. Bushs Zustimmungsrate, die unmittelbar nach den Terror-Anschlägen vom 11. September auf über 90 % hochgeschnellt war, ist auf knapp unter 50 % gefallen. Daher stellt sich die Frage, ob Clarks günstiger Wert bei Meinungsumfragen eher ein Beweis für seine Qualitäten oder für die bislang mäßige Vorstellung der neun anderen demokratischen Präsidentschafts-Kandidaten ist. Heute Nachmittag muss „der Neue“ bei seiner ersten Fernseh-Debatte mit seinen neun demokratischen Konkurrenten beweisen, dass er sattelfest ist.

Bislang hat er nicht immer den sichersten Eindruck gemacht. So hatte Clark in der vergangenen Woche zunächst gesagt, dass er bei der Kongress-Abstimmung im vergangenen Oktober „wahrscheinlich“ für den Irak-Krieg votiert hätte. Einen Tag später ruderte er zurück. Auch bei anderen Anlässen fuhr Clark gelegentlich einen Zickzack-Kurs. „Die Regierung hat zu keinem Zeitpunkt eine zwingende Begründung für den Militär-Einsatz geliefert“, erklärte er im Februar, wenige Wochen vor Beginn der Kampagne. Als die US-Truppen wenige Wochen später eine irakische Stadt nach der anderen einnahmen, bescheinigte Clark der Administration ein „sehr starkes Führungs-Team“.

An seinem politischen Profil muss der Vorzeige-Militär daher noch arbeiten. Helfen sollen ihm dabei Mitarbeiter des Chefs des nationalen Komitees der Demokraten, Terry McAuliffe, sowie Wahlkampf-Manager aus dem Stab von Bill Clinton und Al Gore. Beobachter betonen, dass das demokratische Partei-Establishment dem früheren Spitzen-Militär gegen Bush erheblich bessere Chancen einräumt als dem Tausendsassa Howard Dean. Deshalb werde man ihn puschen – nicht zuletzt, um Dean zu verhindern, heißt es.

Im Moment hat Clark den Charme des Überraschungs-Kandidaten, der das Feld aus der Tiefe des Raumes neu aufmischt. Kein Wunder, dass die Konkurrenz da etwas neidisch ist. Aber Profis verweisen darauf, dass im Vorwahlkampf auf den langen Atem ankomme. „Clark mag der Mann des Monats sein“, räumt Jeff Woodburn ein, der für den Senator Joseph Lieberman die Vorwahlen in New Hampshire organisiert, einem der ersten Stimmungs-Tests im Januar 2004. „Aber wer am Anfang der Kandidaten-Suche vorne liegt und wer am Ende, sind gewöhnlich zwei paar Stiefel.“

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%