In der Männerwelt des Arbeitgeberverbandes führt erstmals eine Frau die Geschäfte
Frischer Wind bei Gesamtmetall

Die Personalie hat der IG Metall einen gehörigen Schreck eingejagt. Einen altgedienten Tarifprofi und Verbandsrecken hatte die Gewerkschaftsspitze als künftigen Hauptgeschäftsführer beim Gegenspieler Gesamtmetall erwartet. Doch das neue Gesicht des mächtigsten deutschen Arbeitgeberverbands ist jung, weiblich und kommt zu allem Überfluss aus einem Unternehmen, das dem Flächentarif schon vor Jahren den Rücken gekehrt hat.

HB BERLIN.Seit 1. April ist Heike Maria Kunstmann (39) die Nummer zwei bei Gesamtmetall hinter dem unumstrittenen Präsidenten Martin Kannegiesser, und nicht nur für die IG Metall ist schwer auszurechnen, was künftig aus der Berliner Verbandszentrale kommt. Auch in den Reihen der Metallarbeitgeber gab es anfangs Bedenken, ob die selbstbewusste Leiterin der Personalentwicklung beim Münchner Automobilzulieferer Knorr Bremse AG die Richtige ist für den diffizilen Verbandsjob. Zumal die mitunter behäbige Welt der Tariflobbyisten für Kunstmann, wie sie selbst freimütig einräumt, ein mindestens ebenso großer Kulturschock ist. Doch Kannegiesser setzte seine von einem Headhunter aufgegabelte Wunschkandidatin durch. Nicht zuletzt, weil die Mittelständler im Präsidium von Gesamtmetall bei der neuen Hauptgeschäftsführerin Verständnis für die Belange von eigentümergeführten Unternehmen vermuten, denn auch Kunstmanns Ehemann ist Unternehmer.

In der Verbandszentrale haben Kunstmanns neue Kollegen den frischen Wind schon zu spüren bekommen. „Plötzlich erreichen einen am Sonntagnachmittag E-Mails mit dringenden Anfragen“, erzählt einer, und es ist nicht ganz klar, ob dabei Begeisterung oder eher Befremden über die neue Arbeitskultur mitschwingt. Vor allem am Wochenende lese sie sich in die komplizierte Tarifmaterie ein, sagt Kunstmann. Denn die Woche sei voll gepackt mit Terminen bei den Unternehmen und den vielen Regionalverbänden der Metall- und Elektroarbeitgeber. „Ich muss zunächst einmal die verschiedenen Interessen kennen lernen“, bremst die promovierte Diplom-Kauffrau Fragen nach ihrer tarifpolitischen Überzeugung.

Nur so viel lässt sie sich entlocken: Der Forderung, die Tarifpolitik vollständig auf die betriebliche Ebene zu verlagern, stehe sie „vorsichtig ablehnend“ gegenüber. Und obwohl Knorr Bremse aus dem Flächentarif ausgetreten sei, habe sie stets ein gutes Verhältnis zu den Betriebsräten gepflegt.

Ob das reicht, der misstrauischen IG Metall die Furcht vor einem Kurswechsel der Metallarbeitgeber zu nehmen, erscheint indes fraglich. Viele Gewerkschafter sorgen sich, Gesamtmetall könne unter Kunstmann die Öffnung für Unternehmen ohne Tarifbindung und damit die Abkehr vom traditionellen Tarifverband beschleunigen. Doch zunächst fast man sich gegenseitig mit Samthandschuhen an. „Super nett“ sei kürzlich die erste Begegnung mit IG-Metall-Chef Jürgen Peters und seinem Vize Berthold Huber gewesen, sagt Kunstmann strahlend. Doch das kann sich schnell ändern. Sie streite gern über Ansichten, bekennt die neue Führungsfrau in einer Männerwelt. „Wenn ich noch etwas aufgerüstet habe, auch über die Tarifpolitik“.

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