Industriespionage
Der Feind in meinem Büro

Unternehmen gehen oft leichtsinnig mit geheimen Daten um, weil sie ihren Mitarbeitern blind vertrauen. So ist es für Angestellte, die sich übergangen fühlen, meist ein Leichtes, interne Firmendaten anzuzapfen und daraus Kapital zu schlagen. Die Konkurrenz freut sich.

DÜSSELDORF. Elf Jahre lang stand Nigel Stepney dem Formel-1-Piloten Michael Schumacher bei Ferrari treu zur Seite. Erst war er Chefmechaniker, später Cheforganisator in der Boxengasse. Als sich im Winter 2006 der Rennstall neu ordnete, wurde der Brite aufs Abstellgleis geschoben und durfte nicht mehr mit dem Renntross rund um die Welt reisen. Der Degradierte war gekränkt und begann, einem alten Bekannten beim Konkurrenten McLaren-Mercedes E-Mails mit geheimen Konstruktionsdaten der Ferrari-Wagen zu schicken. Weil McLaren diese Informationen nutzte, um die eigenen Boliden zu optimieren, verurteilte der Automobilweltverband FIA den Rennstall zu einer Strafe von über 70 Mill. Euro.

Nun stehen nicht nur Mitarbeiter von McLaren-Mercedes als Industriespione in der Kritik. Auch Ferrari muss sich fragen lassen, wieso Stepney so einfach Interna hochgeheimer Projekte an die Konkurrenz übermitteln konnte. Ferrari ist längst nicht das einzige Unternehmen, das sich unzureichend gegen den Geheimnisverrat durch eigene Mitarbeiter schützt. „In der Regel wird so etwas unter den Teppich gekehrt“, sagt Eginhard Vietz, Inhaber von Vietz in Hannover, einem Hersteller von Spezialmaschinen für den Pipelinebau. Er kennt das Problem der Innentäter aus eigener Erfahrung. „Ein Betriebsleiter, den ich persönlich eingestellt habe, entpuppte sich als Kuckucksei. Er haute einfach ab, den Laptop voller Baupläne.“

Auftraggeber sind in solchen Fällen oft Konkurrenten, mitunter aber auch ausländische Geheimdienste, die versuchen, die Unternehmen in ihrem Land zu unterstützen. „Wenn das Betriebsklima nicht stimmt und viele Mitarbeiter sich bei Beförderungen übergangen oder schlecht bezahlt fühlen, ist es leicht für diese Auftraggeber, Leute zu rekrutieren, die gegen Geld Informationen liefern“, weiß Walfried O. Sauer, Geschäftsführer der Sicherheitsberatung Result Group in München. Das Unrechtsbewusstsein ist begrenzt. „Diese Leute glauben, dass sie sich nur holen, was ihnen sowieso zusteht.“ Mitarbeiter haben es naturgemäß viel leichter als externe Spione, an Firmengeheimnisse zu kommen. „Schließlich wissen Sie, wie sie firmeninterne Schutzmechanismen umgehen und kennen die Passwords,“ sagt Robin Kroha von der Sicherheitsberatung Control Risks in Berlin.

Trotzdem vertrauen viele Firmen ihren eigenen Mitarbeitern und Managern fast blind. Ein Background-Check bei Einstellung oder Versetzung auf eine sicherheitsrelevante Position etwa ist nur bei wenigen Firmen die Regel, bestätigt Sauer. Bei Vietz gehört die Sicherheitsüberprüfung seiner Konstrukteure inzwischen zu den Abwehrmaßnahmen, die er zusammen mit dem niedersächsischen Verfassungsschutz ausgearbeitet hat. Zudem verzichtet er heute auf chinesische, amerikanische und russische Praktikanten – aus Sorge, sie könnten für die Industrie ihres Landes spionieren.

Daneben lassen sich Geheimdaten gegenüber Innentätern sichern. Doch auch hier schlampen viele Unternehmen. Nur jedes vierte hat ausreichende technische Maßnahmen gegenüber Datenmissbrauch durch Mitarbeiter ergriffen, ermittelte Comco, ein Anbieter von Sicherheitssoftware. Diese Tatenlosigkeit geschieht oft mit Bedacht. Denn viele Manager in den 300 befragten Mittelstands- und Großunternehmen empfinden umfangreiche Mitarbeiterkontrollen als Widerspruch zur Unternehmenskultur.

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