Interview
„Ich musste mit den Wölfen heulen“

Die stark wachsende Zahl von Pleiten in Osteuropa bedrohen die Bilanzen europäischer Banken: Analysten warnen bereits vor größeren Ausfällen. Herbert Stepic, Chef der Wiener Raiffeisen International, spricht im Handelsblatt-Interview über Strategien gegen die Krise.

Handelsblatt: In Deutschland ist man froh, dass die eigenen Banken nicht besonders stark im kriselnden Osteuropa engagiert sind. Den österreichischen Banken dürfte es genau umgekehrt gehen. Sind sie auf der Verliererseite gelandet?

Stepic: Wir waren für die deutschen Banken eine Zumutung mit unserem boomenden Osteuropa-Geschäft. Aber auch wenn jetzt die Krise in Osteuropa eingezogen ist, sehen wir uns nicht als Verlierer. Nach ihrem Ende - wann immer das sein wird - bleibt der Osten die Wachstumsregion Nummer eins in Europa. Was wir auch nicht vergessen dürfen: Die EU-15, die wichtigsten westeuropäischen Staaten, erzielen mit Osteuropa - ohne Russland - einen jährlichen Handelsüberschuss von 60 Milliarden Euro. Was unser eigenes Bankgeschäft angeht, haben wir in Osteuropa erst ein Drittel des Transformationsprozesses zurückgelegt. Bei so wesentlichen Kennziffern wie Kreditvolumen zu Bruttoinlandsprodukt liegen die Werte in Osteuropa bei einem Drittel der westlichen Vergleichszahlen. So etwas wie die Krise der Investmentbanken, die über künstliche Nachfrage entstanden ist, haben wir in Osteuropa nicht.

Während aber die Krise der Investmentbanken zu Ende zu gehen scheint, müssen Sie jetzt mit der Krise der Realwirtschaft in Osteuropa kämpfen. Wie lange halten Sie das durch?

Die Krise ist in Wellen gekommen: Erst war es Subprime, dann die Vertrauenskrise unter den Banken, und nun kommt die Realwirtschaft an die Reihe. Dieser Teil der Krise hat erst Ende 2008 begonnen und wird sich verstärken. Als Folge daraus wird die Zahl notleidender Kredite ansteigen. Insofern stehen uns in Osteuropa die härtesten Zeiten womöglich noch bevor. Wir haben dort 2008 noch knapp eine Milliarde Euro verdient, ein Rekordergebnis in einer Zeit übrigens, für die einige deutsche Banken deutliche Verluste ausgewiesen haben.

Führt die Krise in Osteuropa dazu, dass die Menschen dort das Vertrauen in die Marktwirtschaft wieder verlieren?

Nein, die Menschen sehen die Krise als das, was sie ist: Als eine wirklich globale Krisensituation, die wir in dieser Form bislang noch nicht hatten. Und damit unterscheiden sich die Menschen in Osteuropa nicht wesentlich von mir und meiner Beurteilung der Lage. Es ist keine Krise, die sie dem neuen Wirtschaftssystem zuschreiben.

Wird es einen Bereinigungsprozess unter den Banken in Osteuropa geben?

Ich rechne mit der Fortsetzung des Aufhol-Prozesses, auch bei den Banken. Für mein Gewerbe ist dort noch viel Platz. Österreich und Deutschland andererseits sind stark "overbanked". Hier wäre der Bereinigungsprozess viel eher notwendig. Wenn es dazu auch in Osteuropa kommen sollte, dann bei den kleinen Banken, ohne soliden Hintergrund und ohne ordentliche Refinanzierungsmöglichkeiten. Russland mit seinen mehr als 1200 Banken wird davon betroffen sein.

Und Sie bei Raiffeisen International dürften es nicht leicht haben als Osteuropa-Bank ohne anderes Standbein . . .

... noch einmal: Wir sind Langfrist-Denker. Wir haben unsere Tochterbanken in Osteuropa immer durchfinanziert. Ich sehe hier keinen Wettbewerbsnachteil für uns.

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