Italiens allmächtiger Zentralbankchef Antonio Fazio steht mächtig unter Druck
König auf bröckelndem Thron

Antonio Fazio ist mächtig. Antonio Fazio ist der Gouverneur der italienischen Zentralbank. Doch nachdem Antonio Fazio mit allen Mitteln verhindert hatte, dass ausländische Banken eine italienische Bank übernehmen, hat sich nicht nur die EI-Kommission sondern auch die italienische Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Antonio Fazios Macht bröckelt nun.

MAILAND. Die jährliche Pilgerfahrt nach Rom. Es ist Mai. Bankenvorstände, Industriebosse und eine Schar von Journalisten sind angereist, um den Worten des Antonio Fazio zu lauschen. Der Gouverneur der italienischen Zentralbank hat zur jährlichen Hauptversammlung der Banca d’Italia geladen, zu hören gib es einen langen, vom Blatt abgelesenen Monolog zur Lage der italienischen Wirtschafts- und Finanzwelt. Fragen sind nicht erlaubt.

Willkommen im Königreich Fazio.

Aber was der 68-jährige, weißhaarige Mann auf dem Podium sagt, ist ohnehin nicht so wichtig wie die Signale, die er sendet: Etwa, wem er wo welchen Platz im Publikum zugeteilt hat. In diesem Jahr fiel auf, dass die für Italien neue Spezies der Immobilieninvestoren in der ersten Reihe Platz nehmen durfte.

Auch Gianpiero Fiorani, der Chef der Volksbank Banca Popolare Italiana, an dessen Gegenangebot die Übernahme der Banca Antonveneta durch die niederländische ABN Amro gescheitert ist, durfte ganz weit vorne sitzen: in der Nähe von Fazios Kindern.

Und Alessandro Profumo – international angesehener Banker und Vorstandsvorsitzender der Bank Unicredito Italiano? Nur sechste Reihe.

Heute wird voraussichtlich die außerordentliche Hauptversammlung von Unicredito die Übernahme der deutschen Hypo-Vereinsbank absegnen. Den italienischen Markt dagegen verteidigt Fazio mit allen Mitteln. Sowohl ABN Amro als auch die spanische Banca Bilbao Vizcaya Argentaria (BBVA) sind bei ihren Akquisitionsversuchen im Reiche Fazio an italienischen Gegenangeboten gescheitert, die der Herrscher im Hintergrund mit aufgebaut hatte.

Inzwischen haben seine Methoden außer der EU-Kommission auch die italienische Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen. Seit diese Woche Mitschnitte von vertraulichen Telefongesprächen zwischen ihm und dem befreundeten Banca-Popolare-Chef Fiorani („Tonino, am liebsten würde ich dir die Stirn küssen“) und anderen Aktionären bekannt wurden, steht Fazio öffentlich mächtig unter Druck, Rücktrittsforderungen eingeschlossen.

Gehen müsste er schon freiwillig. Denn einem König gleich ist er auf Lebenszeit ernannt, seine Amtszeit unbegrenzt. Auch seine vielfältigen Zuständigkeiten küren ihn zum Regenten der italienischen Finanzwelt. Die italienische Zentralbank ist Notenbank, Kreditaufsicht und Wettbewerbsbehörde für den Finanzsektor in einem. Dabei kann der Zentralbankchef eigenmächtig entscheiden und muss auf kein Board Rücksicht nehmen. Noch nicht einmal begründen muss er seine Entscheidungen.

Zuckerbrot und Peitsche – so funktioniert bisher das System Fazio. Die Versammlung des italienischen Industrieverbands Confindustria strafte er mit Abwesenheit. Schließlich hatte dessen Präsident Luca Cordero di Montezemolo gewagt, ihn zu kritisieren.

Den Angriff der Ausländer ABN Amro und BBVA hat er vor allem durch Verzögerungstaktik abgeblockt. Ungesetzlich war das nicht: „Fazio hat wahrscheinlich die Regeln akzeptiert. Es sind die Regeln, die ihm zu viel Macht geben“, sagt Donato Masciandaro, Finanzprofessor an der renommierten Universität Bocconi in Mailand.

Fazio liebt die Macht, sagen Leute, die ihn kennen. „Mit der Europäischen Zentralbank hat sich seine Macht als Notenbankchef stark reduziert. Das kann er nicht verkraften“, meint ein Abgeordneter der Mitte-links-Opposition. „Das versucht er, durch den Einfluss auf die Banken wettzumachen.“ Ausländische Beobachter glauben, dass Fazio auf dem internationalen Parkett seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen ist.

Immer kritischer wird die Haltung des Italieners gegenüber ausländischen Banken auch von Mitgliedern des EZB-Rates gesehen: Schließlich ist es erklärtes Ziel der EU-Institutionen, einen einheitlichen europäischen Kapitalmarkt zu schaffen.

Als der bekennende Katholik und Vater von fünf Kindern 1993 als Nachfolger des heutigen Präsidenten der Republik, Carlo Azeglio Ciampi, zum Zentralbankgouverneur ernannt wurde, galt Fazio noch als farblos. Doch schon zwei Jahre später bezwang er mit einer strengen Geldpolitik die Entwertung der Lira.

Sein Werdegang ist tadellos: Sein Wirtschaftsstudium schloss er 1960 mit Auszeichnung ab. Während zweier Studienjahre am Massachusetts Institute of Technology (MIT) lernte er bei Koryphäen und Nobelpreisträgern wie Samuelson, Arrow und Phillips. Danach ging er zur Banca d’Italia.

Es ist sein Führungsstil, der Kritiker auf den Plan ruft. Während sich Ciampi von seinen Mitarbeitern Rat holte, soll Fazio vor allem auf sein eigenes Wissen vertrauen.

Dennoch konnte ihn bisher nichts zu Fall bringen. Ursprüngliche Pläne, seine Amtszeit – und seine Macht – per Gesetz zu beschränken, machte er durch geschickte Lobbyarbeit zunichte. Auch, dass er sich und seine Ehefrau vor drei Jahren auf Kosten des damaligen Capitalia-Chefs Cesare Geronzi mit dem Privatjet in die Wallfahrtsorte Lourdes und Santiago di Compostella fliegen ließ, konnte ihm nichts anhaben.

Doch nun steigt der öffentliche Druck. Und eins ist klar: Sollten die Mitte-links-Parteien im kommenden Jahr die Wahlen gewinnen, steuert Fazios Herrschaft dem Ende zu. Der Anführer Romano Prodi hat bereits klar gemacht, dass er der unbefristeten Amtszeit des Zentralbank- Gouverneurs und damit der Fazio-Monarchie ein Ende setzen wird.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%