Josef Sanktjohanser
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Josef Sanktjohanser soll ab sofort den größten deutschen Handelsverband HDE führen. Doch der Rewe-Vorstand gilt als zweite Wahl.

DÜSSELDORF/BERLIN. Es ist sein erster großer Auftritt. Und Josef Sanktjohanser ist vor seiner Rede sichtlich nervös. Er sitzt in der ersten Reihe des Konferenzraums und hantiert immer wieder mit seinem Manuskript. Die Spannung steigt, als sich noch Finanzminister Peer Steinbrück neben ihn setzt und die Fotografen anlockt.

Dann duldet die Sache keinen Aufschub mehr. Der neue Präsident des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE) muss nach vorne ans Pult. Sanktjohanser setzt seine Hornbrille auf - und liest seine Rede vom Manuskript ab. Klar, er stellt Forderungen an die Politik. Aber er spricht nicht wie ein Politiker. Er macht kaum Pausen, um den mehreren hundert Gästen im Saal des Berliner Maritim-Hotels Gelegenheit zum Applaus zu geben.

Nur einmal, als er fordert, "der Staat soll das Geld lieber in den Unternehmen lassen", signalisieren einige lautstark ihre Zustimmung. Da greift mancher Gast lieber im Foyer vor dem Saal zu einem trockenen Stück Kuchen. Dann, nach etwa 15 Minuten, ist Sanktjohanser fertig - kurzer Beifall, verhalten freundlich. Er nimmt sein Manuskript, tritt ab und scheint froh zu sein, seinen ersten Auftritt hinter sich zu haben.

Beim HDE, der mit Abstand größten Standesvertretung deutscher Krämer, bricht nach 16 Jahren der Regentschaft von Hermann Franzen eine neue Zeitrechnung an. Dem weltgewandten Porzellanhändler von Düsseldorfs Prachtmeile Königsallee, der sich gern in der Rolle des Diplomaten für den deutschen Einzelhandel gefiel, folgt nun ein Fleißarbeiter ohne Glamour. "Der neue Präsident redet hölzern wie ein Pastor", entfährt es einem einflussreichen Handelsmanager und HDE-Mitglied. Nur wenige trauen dem 56-jährigen Sohn einer Kaufmannsfamilie aus dem Westerwald bislang zu, sich mit Charme und Geschick bei den Berliner Regierungsverantwortlichen Gehör zu verschaffen. Zu verschlossen sei Sanktjohanser, kritisieren Verbandskollegen, zu wenig Politiker.

Dabei tritt mit Sanktjohanser erstmals ein Konzernvorstand an die Spitze der rund 100 000 organisierten deutschen Einzelhändler. Traditionell wählten die in ihrer Überzahl mittelständischen Unternehmer in der Vergangenheit stets einen der ihren auf den Präsidentensessel. Ab 1969 wachte der neulich verstorbene Düsseldorfer Bilderrahmenhändler Friedrich Conzen über die Geschicke des Verbandes, 1984 abgelöst vom Bremer Textilkaufmann Wolfgang Hinrichs, einem Chef zweier Modehäuser. In den vergangenen 16 Jahren dann gab Hermann Franzen die Politikrichtung vor - auch er durch und durch Mittelständler.

Doch seinem jetzt in Berlin gekürten Nachfolger eilt der Ruf eines Ersatzmanns voraus. Über Jahre hinweg hatte sich der Spitzenverband vergeblich bemüht, einen Nachfolger für den amtsmüden Franzen zu finden. Zuletzt mussten die Berliner sogar ihre Satzung ändern, um eine weitere Amtsperiode des heute 66-Jährigen zu ermöglichen.

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