Kemal Sahin leitet das größte deutsch-türkische Unternehmen und kämpft für Völkerverständigung
Der preußische Türke

Kemal Sahin leitet mit der Unternehmensgruppe Sahinler das größte deutsch-türkische Unternehmen - und kämpft für Völkerverständigung.

AACHEN. Kemal Sahin ist erleichtert. Die Medien meldeten Ende vergangener Woche, dass die CDU-Parteivorsitzende Angela Merkel von ihrer geplanten Unterschriftenaktion gegen einen möglichen Beitritt der Türkei in die Europäische Union abgerückt sei. „Die Türkei hat inzwischen in Deutschland eine starke Lobby“, freut sich der türkische Industrielle.

Im Gespräch präsentiert sich Sahin als ein Mann der leisen Töne. Der Chef und Inhaber der größten deutsch-türkischen Unternehmensgruppe Sahinler setzt seine Worte sorgsam in nahezu perfektem Deutsch. Aber der etwa 1,70 große Mann kann sehr deutlich werden. Sein Zorn über den „Populismus“ von Angela Merkel schwingt noch heute mit: „Das war der Versuch, das Volk aufzuhetzen.“

In der vergangenen Woche hatte Sahin in seiner Rolle als Präsident der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer (TD-IHK) in Köln die CDU-Chefin in einer Pressemitteilung heftig kritisiert. Sie würde „bewusst Ängste in Deutschland schüren“. Die Union möge „sich auf die europäischen Werte von Toleranz und friedlicher Koexistenz besinnen“, appellierte er. Er erinnerte an Helmut Kohl: Der sei bislang ein verlässlicher Befürworter des Beitritts der Türkei in die EU gewesen – „solange das Land die dafür erforderlichen Kriterien“ erfülle. Starke Worte für einen ausländischen Unternehmer. Sahin spricht nicht vom „Kulturkampf“ – aber offensichtlich erfüllt ihn diese Sorge.

Doch seine eigene Lebensleistung legitimiert Sahin, seine Stimme zu erheben. Der 49-jährige Bauernsohn aus Anatolien hat in Deutschland eine Traumkarriere hingelegt. Er kam von ganz unten und hat in nur 22 Jahren die Sahinler Group/Sahinler Holding mit Zentralen in Würselen bei Aachen und Istanbul aufgebaut. Das Unternehmen erzielt heute in 13 Ländern mit 12 000 Beschäftigten einen Jahresumsatz von 1,15 Milliarden Euro.

„Der Falke in der Fremde“ überschreibt der Selfmademan seine Autobiografie. „Falke“ heißt auf Türkisch „Sahin“. Als Junge hütet er Ochsen und Meckerziegen, der Vater träumt von einer Generalslaufbahn für Kemal. Doch der Sog „des sagenhaften Deutschlands war stärker“, erinnert sich Sahin. Also geht der damals 18-Jährige ins Gelobte Land und büffelt zunächst ein Jahr lang die deutsche Sprache.

Aber dann ist die Herrlichkeit vorbei. Nach Abschluss des Studiums in Aachen droht ihm die Abschiebung. Der frisch diplomierte Ingenieur für Metallurgie eröffnet kurzerhand einen Laden für Geschenkartikel. Denn als Selbstständiger darf der türkische Jungakademiker bleiben – zum Wohle Deutschlands. Aus einem Krimskramsladen für Gastarbeiter baut er ein Textil- und Bekleidungskonglomerat (Modemarke „Adessa“) auf, außerdem einen Industriepark, einen Ferienclub, ein Kraftwerk und ein Cateringunternehmen in der Türkei.

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